Automobilindustrie in Marokko: ein Gewinner der Corona-Krise

Automobilindustrie in Marokko: Ein Krisen-Gewinner?

Die Automobilindustrie in Marokko ist inzwischen mit die größte auf dem Kontinent. Wenn europäische Autobauer nach der Corona-Pandemie ihre Lieferketten verkürzen wollen, könnte das Land profitieren.

Die Corona-Krise ist für den afrikanischen Kontinent insgesamt eine große Bedrohung. Über die strukturellen Gründe dafür habe ich bereits geschrieben. Aber natürlich gibt es auch dort Gewinner der Krise. Und zu diesen könnte langfristig die Automobilindustrie in Marokko zählen.

Marokko hat in den vergangenen Jahren als Zulieferstaat für die Automobilindustrie kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Neben Südafrika zählt das Land inzwischen zum wichtigsten Automobilstandort des Kontinents. Vor allem Renault und PSA haben vor Ort investiert. In den vergangenen Wochen standen zwar auch dort die Werke still. Langfristig aber könne die Branche von der Corona-Pandemie profitieren, schreibt die Ratingagentur Fitch in einem aktuellen Branchenreport. Die Analysten gehen nämlich davon aus, dass viele europäische Autobauer künftig ihre Lieferketten verkürzen wollen – und sich dabei möglicherweise für Marokko entscheiden.

Automobilindustrie in Marokko: seit Jahren gefördert

Das Land hat dafür in den vergangenen Jahren viel Vorarbeit geleistet. Schon vor über zehn Jahren hat die marokkanische Regierung einen Plan entwickelt, um die Automobilindustrie im Land zu stärken. Das zeigt eine Analyse des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Als Ziel setzte sich die Regierung, die marokkanische Zulieferindustrie auszubauen. Und: Sie nahm sich vor, mindestens einen weiteren großen Autoproduzenten anzulocken – neben dem Autobauer Renault, der eigenen Angaben zufolge schon seit 1928 vor Ort aktiv ist. Dafür hat die Regierung Freihandelszonen geschaffen, lockt mit Investitionsanreizen und fördert die Ausbildung von Fachkräften.

Punkten kann Marokko darüber hinaus durch die Nähe zu Europa und eine gut ausgebaute Infrastruktur. Erst im vergangenen Jahr hat die Regierung in der Stadt Tanger an der Meerenge von Gibraltar einen neuen Hafenkomplex eröffnet. Der Umschlagplatz namens Tanger Med gilt als größter Containerhafen in ganz Afrika. Insgesamt können dort nach Angaben der Deutschen Verkehrszeitung pro Jahr neun Millionen Standardcontainer verarbeitet werden – ungefähr genauso viel wie derzeit im Hamburger Hafen umgeschlagen wird. Für die exportorientierte marrokanische Automobilbranche sind das also gute Voraussetzungen.

Renault und PSA sind stark vertreten

Diese Bemühungen sind bei Autobauern nicht unbemerkt geblieben. Der französische Autobauer Renault-Nissan hat 2012 ein Werk in Tanger errichtet; inzwischen ist das Unternehmen nach Angaben der GTAI sogar mit zwei Fabriken im Land vertreten. Auch PSA betreibt ein Forschungszentrum in Casablanca und hat im Sommer 2019 zudem ein Werk in Kenitra eröffnet, nahe der Landeshauptstadt Rabat. Der deutsche Autobauer Volkswagen ist bisher mit Produktionsstätten nur in Südafrika vertreten, wird aber laut Medienberichten von Marokko bereits seit Jahren umworben.

Rund um die großen Firmen ist darüber hinaus in Marokko eine rege Zulieferindustrie entstanden. Rund 200 Unternehmen produzieren nach Angaben der GTAI vor allem Kabel, Innenausstattungen und Motoren. Dem Online-Portal Morocco World News zufolge hat die Branche in den Jahren 2017 und 2018 knapp 120.000 neue Arbeitsplätze im Land geschaffen. Und das Branchenportal Automotive News Europe berichtet, dass die Regierung den Sektor weiter ausbauen will. Bisher können Autobauer wie PSA und Renault demnach 50 Prozent der Bauteile für ihre Autos in Marokko kaufen. Bis 2022 sollen es 65 Prozent sein.

Warum ausgerechnet die Autoindustrie in Marokko profitieren könnte

Ob diese Pläne in der kurzen Frist aufgehen, bleibt abzuwarten. Genau wie in anderen Ländern hat die Corona-Krise auch in Marokko die Autoindustrie zum Stillstand gezwungen. Langfristig aber gibt es durchaus Zeichen dafür, dass die Ratingagentur Fitch mit ihrer Prognose Recht haben könnte und Marokko als Gewinner hervorgeht. So hat die aktuelle Krise gezeigt, wie enorm komplex und damit auch anfällig die verzweigten Lieferketten vieler Automobilhersteller sind. Gut möglich also, dass einige Konzerne versuchen werden, die Produktion wieder näher an die Heimat zu holen.

In Frage käme für die Hersteller dabei, ihre Kapazitäten in Osteuropa weiter zu stärken. Allerdings gibt es auch dort inzwischen einen Fachkräftemangel. Das hat die Löhne zuletzt stark in die Höhe getrieben. In Marokko dagegen sind die Löhne vergleichsweise niedrig. So zeigt eine Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums, dass der Mindestlohn in Industriebetrieben dort aktuell bei nur 1,30 Euro pro Stunde liegt. Dazu kommt: Dass Renault und PSA bereits funktionierende Lieferketten vor Ort aufgebaut haben, macht den Start für neue Autobauer nun leichter.

Autoproduktion in Marokko: bisher nur für den Export

Allerdings: Eine Sache fehlt Marokko derzeit noch – nämlich ein starker Binnenmarkt. Bisher produziert die Automobilindustrie in Marokko fast ausschließlich für den Export. Denn sowohl dort als auch auf dem gesamten afrikanischen Kontinent kaufen bisher vergleichsweise wenige Menschen Neuwagen. Thomas Schäfer, der Präsident der African Association of Automotive (AAAM) Manufacturers, nennt dafür mehrere Gründe. So sei der Import von Gebrauchtwagen vergleichsweise einfach. Und es fehle in vielen Ländern an Finanzierungsmöglichkeiten – also Kreditangeboten – für Autokäufer.

Die AAAM arbeitet derzeit daran, diese Hürden zu beseitigen. Und auch das geplante afrikanische Freihandelsabkommen könnte den Binnenmarkt stärken, wie diese Recherche von mir zeigt. Klar: Kurzfristig werden sich durch die Corona-Krise sicherlich weniger Menschen auf dem Kontinent ein neues Auto leisten können. Vielleicht aber gelingt es Marokko irgendwann, sich westlichen Autobauern als Tor zu einem einheitlichen afrikanischen Binnenmarkt zu präsentieren. Dann hätten sich die strategischen Bemühungen der Regierung auf jeden Fall gelohnt.

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