Autoindustrie in Afrika: Wie Ghana zum Hotspot werden will

Bisher gibt es auf dem afrikanischen Kontinent nur in Südafrika und Marokko eine nennenswerte Autoindustrie. Nun will das kleine Land Ghana nachziehen und zum zentralen Hub in Westafrika werden. Dazu setzt die ghanaische Regierung vor allem auf vier Maßnahmen.

Überfüllte Straßen, uralte Gebrauchtwagen und eine Luft zum Nasezuhalten: Dieses Bild verbinde ich typischerweise mit dem Verkehr in afrikanischen Großstädten. Der Kontinent dient bisher als Sammelbecken für ausgediente Autos aus Industriestaaten. Das hat erst kürzlich wieder ein Bericht der Vereinten Nationen gezeigt. Demnach wurden zwischen 2015 und 2018 weltweit rund 11 Millionen gebrauchte Personenwagen und Kleintransporter in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen exportiert. Mehr als die Hälfte davon nach Afrika. “Dort tragen die Autos zur Luftverschmutzung bei und sind häufig in Verkehrsunfälle verwickelt”, schreiben die Autoren. Und dem Klimaschutz schaden sie natürlich.

Autoindustrie in Afrika: Bisher kaum vorhanden

Kein Wunder also, dass sich inzwischen viele Länder in Afrika gegen die Gebrauchtwagen-Flut aus Europa, den USA und Japan wehren. Dabei haben sie Unterstützung von unerwarteter Seite. Einige Autobauer aus Industrieländern verfolgen nämlich das gleiche Interesse. Die Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hat kürzlich eine Kooperation mit dem Afrikanischen Verband der Automobilhersteller beschlossen. “Die deutsche Automobilindustrie erkennt das Potential auf den afrikanischen Märkten und verstärkt ihre Verbindungen mit dem Kontinent”, heißt es in der Pressemitteilung des Verbands. Mit anderen Worten: Die deutsche Autoindustrie will auf dem Kontinent künftig Neuwagen verkaufen. Und günstige Gebrauchtwagen als Konkurrenz sind da eher hinderlich.

Deutsche Autobauer hoffen auf eine wachsende Mittelschicht vor Ort (Foto: Ono Kosuki at Pexels).

Bisher gibt auf dem afrikanischen Kontinent nur wenige Länder, in denen Autos vor Ort gebaut oder zumindest montiert werden. Über die Autoindustrie in Marokko habe ich auf meinem Blog schon geschrieben. Die meisten Autos werden in Südafrika gebaut. Große Hersteller wie Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen sind dort schon länger mit Werken vertreten. Darüber hinaus will sich nun Ghana als neuer Hotspot in Westafrika etablieren. “Ghana hat […] die Fahrzeugmontage und Herstellung von Automobilkomponenten als strategische Ankerindustrie identifiziert”, schreibt das ghanaische Wirtschaftsministerium. Dadurch will die Regierung die Industrialisierung vorantreiben und neue Jobs schaffen. Wie das gelingen soll, habe ich in vier Punkten zusammengefasst:

1. Ghana gilt als idealer “Einstiegsmarkt”

Es klingt banal, ist aber eine zentrale Voraussetzung für Investoren: Das Land bietet stabile politische Rahmenbedingungen. “Ghana hat sich in den letzten Jahrzehnten als eines der sichersten und stabilsten Länder in Afrika etabliert”, sagt Michael Blank, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Ghana. Und auch in Gesprächen mit deutschen Unternehmen höre ich immer wieder, dass Ghana das ideale Land ist, um auf dem Kontinent Fuß zu fassen. Für Autobauer zählt diese politische Stabilität viel. Sie müssen sich in Ghana nicht um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sorgen. Und sie können sich im Großen und Ganzen auf geltende Gesetze verlassen – ohne befürchten zu müssen, dass sie plötzlich vor Ort nicht mehr willkommen sind. Bei langfristigen Investitionen in Millionenhöhe ein klarer Vorteil.

Verbesserungsbedarf gibt es vor Ort dennoch. Ein Freund von mir aus Ghana erzählt oft, dass die Korruption vor Ort ein großes Problem ist. Das zeigt auch ein Blick auf den Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International. Ghana steht dort zwar besser da als viele andere afrikanische Länder. Trotzdem liegt das Land nur auf Rang 75 von 180 Staaten. Und die führenden Politiker gehen gegen die Korruption bisher auch eher halbherzig vor, berichtet die Deutsche Welle. Zwar werden laut der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ghana seit Anfang der 90er-Jahre “freie und faire Wahlen” durchgeführt. Neue Gesichter in der Politik gibt es aber selten. Die jüngste Wahl im Dezember hat der 76-jährige Nana Akufo-Addo gewonnen, der das Land bereits seit 2017 als Präsident regiert.

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Mehr Industrie vor Ort anzusiedeln, ist eines der wichtigsten Ziele der ghanaischen Politik. Das gilt nicht nur für die Autobranche, sondern auch für weitere Sektoren.

2. Die Politik verspricht Nachhilfe

Die ghanaische Regierung hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie es mit dem Aufbau einer lokalen Autoindustrie ernst meint. Dazu hat sie die Ghana Automotive Development Policy verabschiedet. Das ist ein strategischer Fahrplan, der beschreibt, wie man die Branche vor Ort stärken will. Und: Dieser Plan wird nun nach und nach auch umgesetzt. Dadurch ist bei potentiellen Investoren Vertrauen entstanden. Die ghanaische Regierung hat unter anderem zugesagt, Autobauer, die teilweise in Ghana ansässig sind, bis zu fünf Jahre von der Steuer zu befreien. Hersteller, die komplette Fahrzeuge im Land bauen, sollen sogar zehn Jahre lang steuerfrei bleiben. Ähnliche Pläne gab es auch in Nigeria. Dort wurde die Industriestrategie aber vom Senat abgelehnt, berichtet das fDi magazine.

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Für Ghana spricht außerdem, dass das Land eng in die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS eingebunden ist. Das ist wichtig, weil der ghanaische Markt für sich genommen zu klein ist, um für die Autoindustrie in Afrika interessant zu sein. Das neue afrikanische Freihandelsabkommen verschafft dem Land daher auch noch einmal Vorteile. Das Engagement der Regierung in Accra scheint sich auszuzahlen. Der Autobauer Volkswagen hat im August 2020 einen ersten Montagestandort in Ghana eröffnet. Pro Jahr sollen dort bis zu 5000 Fahrzeuge zusammengebaut werden, darunter der Tiguan, der Passat und der Polo. Nissan bereitet ebenfalls den Start eines Montagewerks vor.

3. Der Import von Gebrauchtwagen ist eingeschränkt

Im Frühjahr 2020 hat Ghana den Import von Gebrauchtwagen verboten, die älter als zehn Jahre sind. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Grundsätzlich untersagt wurde außerdem der Import von Autos, die schon einmal durch Unfälle oder Brände beschädigt wurden. Lokalen Medien zufolge ist dieser Import-Stopp im Oktober in Kraft getreten. Autobauer wie Nissan oder Volkswagen sollen dadurch einen zusätzlichen Anreiz bekommen, lokal zu investieren. Wie Bloomberg schreibt, bekommen die Autobauer außerdem Zollrabatte, wenn sie Bauteile importieren. Der ghanaischen Regierung könnten dadurch zunächst Einnahmen von gut 140 Millionen Dollar verloren gehen, heißt es. Langfristig soll das durch höhere Steuereinnahmen aus der Automobilproduktion ausgeglichen werden.

Automobilindustrie in Afrika
Alte Unfallautos werden mancherorts in Afrika notdürftig repariert und weiterverkauft (Foto: Denniz Futalan at Pexels).

4. Die Zulieferindustrie wächst

Damit es mit der Autoproduktion in Ghana klappt, braucht es Unternehmen, die den Autobauern zuarbeiten. Wie das fDi magazine berichtet, will die ghanaische Regierung daher künftig kontrollieren, wo im Land Eisenerz abgebaut und Eisen bzw. Stahl veredelt wird. Der Rohstoff soll künftig primär für die Autoproduktion genutzt werden. Darüber hinaus gibt es in Ghana schon jetzt Unternehmen, die Fahrzeugteile montieren können – und sogar einen eigenen Autohersteller. Die Kantanka Automobile Co. Ltd. wurde nach Angaben der Investmentfirma Mlc Properties Ende der 90er-Jahre gegründet. Allerdings bezieht das Unternehmen vor allem vorgefertigte Bauteile aus China und entwickelt kaum eigene Lösungen.

Ghana ist nicht das einzige Land in Afrika, das inzwischen eigene Autos baut. Relativ bekannt sind zum Beispiel die Hersteller Mobius Motors aus Kenia und Kiira Motors aus Uganda. Beide Unternehmen werde ich noch bei WirtschaftinAfrika.de vorstellen.

Mobius - Gallery
Robust: Der Mobius II soll afrikanischen Straßenverhältnissen trotzen (Foto: Mobius Motors).

Die Autoindustrie in Afrika: Mein Fazit

Dass die Autoindustrie ein guter Jobmotor ist, dürfte in Deutschland niemanden überraschen. Daher ist es sinnvoll, dass Ghana diesen Sektor bei seiner Industrialisierungsstrategie mit in den Fokus stellt. Klar ist aber, dass es beim Aufbau der Branche einen langen Atem braucht. Bisher sind Neuwagen nur für wenige Menschen in Westafrika erschwinglich. Und Autokredite sind Medienberichten zufolge auf dem Kontinent schwer zu bekommen.


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Wichtig finde ich außerdem, dass Afrika nicht nur Produktionspartner und Absatzmarkt für deutsche Autobauer ist, sondern auch eigene Autohersteller aufbaut. Dass das möglich ist, zeigen Beispiele wie Mobius Motors. China hat den Aufbau seiner Autoindustrie durch einen langjährigen Joint-Venture-Zwang gefördert. Ob das für afrikanische Staaten ebenfalls sinnvoll ist, gilt es zu diskutieren. Auf jeden Fall sollten afrikanische Staaten aber frühzeitig darauf achten, dass sie nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch Know-how ansammeln. Schade wäre nämlich, wenn von einem Aufschwung auf dem afrikanischen Automarkt ausschließlich europäische und chinesische Konzerne profitieren.

Mehr lesen?

  • Warum neben Ghana auch Marokko als Zukunftsmarkt für die Autoindustrie gilt, lest ihr hier.
  • Mehrere Hersteller produzieren derzeit Autos “made in africa”. Eine Übersicht dazu findet ihr hier.
  • Welche Chancen sich deutsche Autobauer auf dem Kontinent versprechen, hat die GTAI zusammengefasst.
  • Viele afrikanische Länder versuchen, den Import von Gebrauchtwagen einzuschränken. Welche Regierungen aktiv sind, lest ihr bei Quartz.

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1 Antwort zu “Autoindustrie in Afrika: Wie Ghana zum Hotspot werden will”

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