Jung, digital, aufstrebend: Warum Ghana als wirtschaftliches “Vorzeigeland” gilt

Ghana Afrika

Google forscht dort an Künstlicher Intelligenz, Volkswagen montiert Fahrzeuge: Das kleine Land Ghana gilt als guter Einstiegsmarkt für westliche Firmen in Afrika. Das hat vor allem drei Gründe.

Wenn ich mit deutschen Unternehmern über spannende Länder in Afrika spreche, fällt immer wieder ein Name: Ghana. Das Land biete “gute Bedingungen für einen Einstieg auf dem afrikanischen Kontinent”, betonte zum Beispiel die deutschen Außenwirtschaftsförderung GTAI schon im Jahr 2019. Und die deutsche Botschaft in Ghana schreibt: “Das Interesse deutscher Unternehmen an Ghana wächst spürbar.” Die Bundesregierung hat daher mit der Regierung in Accra eine sogenannte Reformpartnerschaft vereinbart. Dabei bekommt Ghana finanzielle Unterstützung, wenn es Reformen umsetzt. Im Januar zum Beispiel hat das Land ein Darlehen von 40 Millionen Euro bekommen, um die Korruption zu bekämpfen und die Steuergesetze zu vereinfachen.

Dabei lässt sich das große Interesse an Ghana beim Blick auf die Landkarte zunächst kaum erklären. Das Land zählt eher zu den kleineren Staaten in Afrika. Nach Angaben der deutschen Außenwirtschaftsförderung GTAI lebten dort im Jahr 2020 gut 30 Millionen Menschen. Ghana ist außerdem von französischsprachigen Ländern wie der Elfenbeinküste, Burkina Faso und Togo umgeben. Westliche Unternehmen, die vor Ort tätig sind, können also nicht mal eben einen potentiellen Geschäftspartner im benachbarten Ausland anrufen. Außer sie haben sehr gute Fremdsprachkenntnisse. Dafür punktet Ghana allerdings mit anderen Dingen. Das Land gilt als politisch stabil und sicher. Und auch die Wirtschaft vor Ort hat sich zuletzt vergleichsweise gut entwickelt – vor allem aus folgenden drei Gründen.

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Schon Ende 2017 erklärte Ghanas Präsident Nana Akufo-Addo »Ghana Beyond Aid« zum Motto seiner Präsidentschaft.

3 Gründe, warum Ghana als “Vorzeigeland” gilt

1. Robust durch die Krise

Über sechs Prozent jährliches Wirtschaftswachstum – so gut lief es in Ghana vor der Coronapandemie. Wie ich in diesem Blogartikel aufgeschrieben habe, hat die Krise den Kontinent insgesamt wirtschaftlich hart getroffen. Allerdings ist Ghana im Vergleich zu vielen anderen afrikanischen Ländern noch relativ gut durch die Pandemie gekommen. Wie die deutsche Außenwirtschaftsförderung GTAI berichtet, ist die Wirtschaft vor Ort im Jahr 2020 zwar leicht geschrumpft. Und auch bis das Land wieder genauso schnell wächst wie vor der Krise, wird es wohl noch dauern. Aber: Zumindest rechnen die Experten in diesem Jahr schon wieder mit einem kleinen Plus beim Wirtschaftswachstum: 2,6 Prozent sind demnach möglich.


Im Vergleich zu Europa und den USA sind in Afrika relativ wenige Menschen am Coronavirus gestorben. Wirtschaftlich hat die Pandemie den Kontinent aber hart getroffen. Woran das liegt, erkläre ich hier.


Dass Ghana die Krise vergleichsweise gut übersteht, hat mehrere Gründe. Die Regierung in Accra hat Unternehmen in der Krise mit zinsgünstigen Krediten unterstützt, ähnlich wie die deutsche Bundesregierung. Außerdem hat sie Investitionen angestoßen, wie den Bau von Krankenhäusern, um der Wirtschaft neue Impulse zu geben. Und sie hat ghanaischen Haushalten zeitweise die Wasserrechnung bezahlt, weil viele Leute durch die Krise Einkommen verloren haben. Ghanas Wirtschaft hilft außerdem, dass sie im Vergleich zu anderen westafrikanischen Volkswirtschaften relativ breit aufgestellt ist. Wie die GTAI schreibt, war die Landwirtschaft vor Ort von der Krise nur wenig betroffen. Bergbau und Ölsektor machten Verluste. Die IT-Branche aber konnte sogar um 20 Prozent zulegen.

2. Ghana setzt auf nachhaltige Reformen

Unabhängig von der Coronakrise verfolgt die Regierung außerdem das langfristige Ziel, die Industrialisierung im Land voranzutreiben. Genau wie viele andere afrikanische Länder hat Ghana nämlich bisher den Nachteil, dass das Land vor allem Rohstoffe exportiert. Das zeigt sich zum Beispiel bei Kakaobohnen, einem der wichtigsten ghanaischen Exportprodukte. Firmen wie Nestlé kaufen Kakao dort in großen Mengen günstig ein, verarbeiten diesen aber im Ausland und verkaufen ihn dann als teure Schokolade. Ghana selbst profitiert von diesem Geschäft kaum, weil sowohl die Gewinne als auch die Arbeitsplätze der Schokoladenindustrie im Ausland entstehen. Lukrativer wäre es für Ghana, das Land würde nicht nur die rohen Bohnen, sondern auch Kakaopulver oder sogar selbst Schokolade verkaufen.


Kakao in Afrika

Vom Bohnenlieferanten zum Schokoladenhersteller zu werden: Das hat sich Ghana bereits fest vorgenommen. Wie das Land das schaffen will, könnt ihr in diesem Text von mir nachlesen.


Unternehmen und Politik arbeiten daher daran, nicht nur die Kakaoindustrie, sondern auch andere Industriesektoren im Land zu stärken. Die ghanaische Regierung hat dazu einen umfassenden Zehn-Punkte-Plan aufgesetzt. Sie fördert neue Industrieparks, schafft Sonderwirtschaftszonen und unterstützt gezielt “Ankerindustrien”, wie die Pharmabranche oder die Automobilindustrie. Dabei setzt sie oft auf sogenannte Public-Private-Partnerships, also Kooperationen zwischen öffentlichem und privatem Sektor, um mit begrenzten staatlichen Geldern möglichst viel zu erreichen. Ziel der Regierung ist es dabei auch, eine möglichst dezentrale Wirtschaftsstruktur zu schaffen. Ähnlich wie in Deutschland soll es in Ghana also künftig im ganzen Land erfolgreiche Unternehmen geben – nicht nur in der Hauptstadt Accra.

3. Ghana punktet mit Innovationen

Ägypten, Südafrika, Kenia, Nigeria: Diese Länder haben sich schon lange als Start-up-Hotspots auf dem afrikanischen Kontinent einen Namen gemacht. Doch auch Ghana hat sich mittlerweile als erfolgreiche Gründernation zwischen diesen Schwergewichten etabliert. Vor allem in Accra sitzen zahlreiche junge Unternehmen. Ihr Fokus liegt auf dem Energiesektor, der Finanzbranche und der Landwirtschaft. Die gute Entwicklung der Gründerszene habe mehrere Gründe, schreibt die Start-up-Plattform VC4A. So gebe es in Ghana vergleichsweise viele etablierte Unternehmen und zahlungskräftige Verbraucher, denen Start-ups ihre Produkte anbieten könnten. Und ghanaische Gründer seien oft gut vernetzt und ausgebildet. Accra ist zum Beispiel der zentrale Standort der Meltwater Entrepreneurial School of Technology, einem panafrikanischen Schulungsprogramm für Jungunternehmer.

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Dieses Video des Ghana Tech Lab gibt einen Einblick in die Gründerszene vor Ort in Accra.

Diese Vorzüge bleibt auch bei ausländischen Investoren nicht unbemerkt. Wie die GTAI schreibt, haben Ghanas Start-ups im Jahr 2019 insgesamt rund 60 Millionen Dollar eingesammelt. Das ist drei Mal so viel wie noch im Jahr 2017. Darüber hinaus betreibt der US-Konzern Google in Ghana ein Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, das erste überhaupt in ganz Afrika. Und auch das amerikanische Start-up-Programm Founder Institute ist vor Ort aktiv. Wie die Plattform VC4A schreibt, haben 70 Prozent der registrierten Start-ups in Ghana Angestellte und zwar im Schnitt acht Personen. Das ist vor allem wichtig, weil derzeit noch viele junge Menschen im Land arbeitslos sind. Die ghanaische Regierung arbeitet nun an einem sogenannten “Start-up Act“, um die Entwicklung der Gründerszene weiter zu fördern.

Ghana als Vorzeigeland: noch bleiben Hürden

Trotz all dieser guten Nachrichten bleiben allerdings auch Probleme. „Ghana und Nigeria sind keine Massenmärkte, die einfach und schnell abgeschöpft werden können“, betonte die baden-württembergische Wirtschaftsstaatssekretärin Katrin Schütz bereits im Jahr 2018 nach einer Markterkundungsreise in die Region. Wie die deutsche Außenwirtschaftsförderung GTAI schreibt, fehlt es dem Land zum Beispiel nach wie vor an Infrastruktur und gut ausgebildeten Fachkräften. Außerdem machen hohe Stromkosten das Wirtschaften vor Ort teuer und attraktiv. Und: Nach wie vor ist Korruption im Land verbreitet – ein Problem, das ja aktuell auch im Fokus der ghanaisch-deutschen “Reformpartnerschaft” steht.


Ein deutsches Unternehmen, das schon jetzt in Ghana vor Ort ist, ist Volkswagen. Der Autobauer montiert dort Fahrzeuge. Das Land will künftig zum Automobil-Hotspot für ganz Westafrika werden.


Ausländische Unternehmen, die in Ghana aktiv werden wollen, müssen daher Geduld mitbringen. Genau wie die meisten anderen afrikanischen Länder auch ist Ghana kein Land, in dem man “mal eben” Geschäft aufbauen kann. Um dort erfolgreich zu arbeiten, brauchen Unternehmen Geduld und eine gute Kenntnis der lokalen Strukturen. Dann allerdings bietet Ghana zahlreiche Chancen, die nach der Coronapandemie sicherlich noch einmal mehr werden.

Mehr lesen?

  • Hier findet ihr eine gute Übersicht darüber, welche Start-up-Hubs und Investoren in Ghana bereits aktiv sind.
  • Um das Wirtschaftswachstum zu fördern, hat die ghanaische Regierung die Digitalisierung zum Staatsziel erklärt. Welche Maßnahmen dazu umgesetzt werden, berichtet Deutschlandfunk Kultur.
  • Warum manche Afroamerikaner*innen extra von den USA nach Ghana ziehen, um dort zu gründen, lest ihr im enorm Magazin.
  • Warum Ghana ein gutes Einstiegsland für deutsche Unternehmen sein kann, erklärt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im Handelsblatt.

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