Vanille aus Madagaskar: Wie der Anbau nachhaltiger werden soll

Ob in Eiscreme, Kuchen oder Kosmetik: In vielen Produkten steckt Vanille aus Madagaskar. Der Handel mit der wertvollen Pflanze befeuert aber Probleme. Betrug, Korruption und Raubüberfälle sind vor Ort weit verbreitet. Um die Herkunft des “schwarzen Goldes” besser zu kontrollieren, setzen manche Unternehmen nun auf Blockchain-Technologie.

Heute habe ich mir den Homeoffice-Tag mit einer Kugel Vanilleeis versüßt. Ich habe einen Sonnenpause abgepasst und bin in Winterjacke zum Eiscafé geschlendert – mein kleines Highlight an einem sonst unspektakulären Arbeitstag. Überhaupt verbinde ich mit Vanille vor allem Positives: im Sommer den Geschmack von Eiscremé, im Winter den Geruch von Vanillekipferl und im Alltag den Duft von Cremes und Bodylotion. Dass der Anbau von Vanille ähnlich problematisch ist wie der von Kakao, war mir dagegen vor dieser Recherche kaum bewusst.

Dabei sind die Strukturen ähnlich. Wie Unicef und Fairtrade berichten, gibt es auch im Vanilleanbau Kinderarbeit und zudem Korruption und Raubüberfälle. Betroffen davon ist vor allem das ostafrikanische Land Madagaskar. Von dort kommen rund 80 Prozent der weltweiten Vanilleernte. In den vergangenen Jahren ist auf Madagaskar zeitweise ein richtiger Vanille-Rausch ausgebrochen, weil sich die Preise für die Pflanze vervielfacht haben. Einige Menschen sind dadurch sehr reich geworden. Viele andere haben kaum profitiert. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner zählt Madagaskar zu den ärmsten Ländern der Welt. Und im Human Development Index liegt das Land auf Rang 164 von insgesamt 189 Staaten.

Vanille aus Madagaskar: Blockchain als Lösung

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Dieser Bericht erklärt, warum die Preise für Vanille zeitweise explodiert sind.

Mit einer nachhaltigen Produktion lässt sich das offensichtlich nicht vereinen. Einige Unternehmen suchen daher nun nach Möglichkeiten, um die Anbaubedingungen für Vanille zu verbessern. Der amerikanische Kosmetikhersteller Estée Lauder setzt dazu seit Kurzem auf Blockchain-Technologie. Der Konzern hat zusammen mit seinem madagassischen Vanillelieferanten Biovanilla ein Pilotprojekt gestartet und will den nachhaltigen Anbau von Vanille künftig digital kontrollieren. Wie das funktioniert und ob es tatsächlich zu mehr Nachhaltigkeit führt: Diese Fragen habe ich in der folgenden Übersicht beantwortet.

Vanille aus Madagaskar: Welche Probleme gibt es?

Der Anbau von Vanille ist extrem aufwändig. Die Pflanze vermehrt sich nur an wenigen Orten auf der Welt natürlich. Deswegen müssen die Farmer sie per Hand bestäuben. Das ist auch bei der Vanille aus Madagaskar so. Die Kleinbauern müssen während der Blütephase täglich ihre Felder ablaufen und prüfen, welche Pflanzen sie schon bestäuben können. Die Ernte der Vanilleschoten erfolgt ebenfalls per Hand. Danach kommen die Schoten zu Zwischenhändlern, die sie fermentieren, trocknen und sortieren. Unternehmen zahlen auf dem Weltmarkt teilweise exorbitante Preise für Vanille. Doch das Geld bleibt bei den Zwischenhändlern. Die Kleinbauern, die die harte Arbeit machen, verdienen oft wenig. Daher helfen auf den Plantagen oft Kinder mit, schreibt die NGO Fairtrade.

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Reife Vanilleschoten vor der Ernte (Foto: Estée Lauder)

Ein großes Problem für die Farmer sind zudem Diebstähle. Weil die reifen Schoten so wertvoll sind, bewachen viele ihre Felder phasenweise Tag und Nacht. Einige ernten die Schoten auch zu früh, um Dieben zuvorzukommen. Das verschlechtert die Qualität der Ware. Manche Bauern und Zwischenhändler versuchen dann, schlechte und gute Ware zu mischen und hoffen, dass das nicht auffällt. Zudem sind auch andere Arten von Betrug verbreitet. Teilweise wird Ware beim Transport geklaut. Oder es wird konventionelle Vanille als Bio-Ware ausgewiesen. Wie die Zeitung NZZ berichtet, missbrauchen Kriminelle den Vanillehandel außerdem für Geldwäsche. Sie kauften Vanille aus Madagaskar zu überteuerten Preisen ein und dann auf dem Weltmarkt gegen Dollar weiter, heißt es.

Wie funktioniert die Kontrolle per Blockchain?

Die Idee ist, dass Unternehmen ihre Lieferketten von der Ernte an digital verfolgen. Dadurch sollen Konzerne genauer nachvollziehen können, was wo mit ihren Rohstoffen und Produkten passiert. Bei der Vanille aus Madagaskar funktioniert das so: Der Kosmetikhersteller Estée Lauder Company hat eigenen Angaben zufolge 450 Kleinbauern mit speziellen ID-Karten ausgestattet. Diese haben jeweils einen individuellen QR-Code, der wiederum zu einer speziellen Software auf Blockchain-Basis führt. Gibt ein Kleinbauer also seine Ernte ab, zum Beispiel bei seiner Kooperative, scannt der zuständige Mitarbeiter den QR-Code und trägt dann in der Software alle wichtigen Daten ein. Er hinterlegt zum Beispiel, ob die Vanilleschoten von einer Bioplantage kommen und ohne Kinderarbeit geerntet wurden.

So sieht es aus, wenn die Ernte vor Ort registriert wird (Foto: Estée Lauder)

Die Kooperative, die die Ware weiterverarbeitet, trägt ihre Arbeitsschritte dann ebenfalls in die Software ein. Sie verpackt also zum Beispiel die Vanilleschoten in Säcke, kennzeichnet jeden Sack mit einem weiteren QR-Code und gibt in der Software an: Wie genau wurde welcher Sack Vanille fermentiert und getrocknet? Wie hat sie sichergestellt, dass Bioware und konventionelle Schoten nicht vermischt werden? So kann der Kosmetikhersteller Estée Lauder den Weg der Vanille aus Madagaskar Schritt für Schritt nachverfolgen, bis hin zu seinem Produktionswerk im amerikanischen Minnesota.

Wozu braucht es dabei die Blockchain?

Daten, die einmal in der Blockchain stehen, können Unternehmen nicht mehr löschen oder fälschen. Das ist der größte Vorteil der Technologie. Zwischenlieferer können also nicht mehr aus konventioneller Vanille Bio-Vanille machen, weder absichtlich noch aus Versehen. Außerdem erschwert die Blockchain Diebstähle. Wenn zum Beispiel über den QR-Code jeder Zwischenhändler sehen kann, wie schwer ein bestimmter Sack Vanille sein soll, fällt sofort auf, wenn unterwegs Ware entwendet wird.

So sieht die wertvolle Vanille aus Madagaskar nach dem Trocknen aus. (Foto: Estée Lauder)

Der Unternehmer Christoph Haupenthal, der mit seinem Berliner Unternehmen AFTS selbst Blockchain-Lösungen anbietet, hat mir zudem einen weiteren Vorteil genannt. Im Interview für Deutschlandfunk Nova hat er mir erzählt, dass viele Zwischenlieferer in der Lieferkette gar nicht wollen, dass diese komplett offengelegt wird. Sie haben nämlich Angst, dass westliche Konzerne dann sehen: ‘Oh, die Hälfte unserer Zwischenlieferer brauchen wir ja gar nicht.’ Das könnte dazu führen, dass sie die Zwischenlieferer beim nächsten Deal überspringen. Die Blockchain löse solche Probleme, indem Unternehmen pseudonymisiert werden, sagt Haupenthal. Zwischenhändler blieben also klar identifizierbar, ohne dass ihr Klarname genannt werde.

Wie viele Unternehmen machen so was schon?

Der Standard im Vanilleanbau ist das nicht. Dafür wächst das Interesse in anderen Branchen. Der US-Fischproduzent Bumble Bee und der deutsche Softwarekonzern SAP haben zum Beispiel schon im Jahr 2019 nachhaltig gefangenen Thunfisch getrackt. Und auch in der Modeindustrie gibt es Ansätze, Lieferketten über Blockchain und QR-Codes zurückzuverfolgen. Jakob Schwab vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik hat mir bei meiner Recherche für Deutschlandfunk Nova aber gesagt, dass es sich auch dort um Pilotprojekte handelt. Immerhin: Mit dabei sind inzwischen die Automobil- und die Lebensmittelindustrie. Welche Hürden es für Unternehmen dabei gibt, erfahrt ihr in diesem Video der Universität St. Gallen:

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Vanille aus Madagaskar: Wird der Anbau so wirklich nachhaltiger?

Handelt es sich bei Blockchain-Lösungen um ein “grünes Feigenblatt” oder eine echte Verbesserung – das ist die entscheidende Frage. Kurz gesagt: Die neuen Ansätze können helfen, reicht aber allein nicht aus.


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Der große Vorteil der Technologie ist, dass sie Lieferketten transparenter macht. Unternehmen wissen also genauer, was wann mit ihrer Ware passiert. Sie können diese Informationen zudem mit wenig Mehraufwand ihren Kunden zur Verfügung stellen und so Vertrauen schaffen. Allerdings: “Die Blockchain-Technologie kann nicht gewährleisten, dass Unternehmen alle Zulieferer entlang der Lieferkette kennen”, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Und: Auch wenn Zwischenlieferer Daten in der Blockchain nicht mehr fälschen können, könnten sie dennoch falsche Daten eintragen. Nur weil ein Farmer angibt, dass er seine Vanille ohne Kinderarbeit erntet, muss das also nicht stimmen.

Aus Sicht der GIZ bleibt es daher wichtig, dass unabhängige Organisationen solche Lieferbedingungen kontrollieren. Eine Reportage in der NZZ zeigt außerdem, dass viele Probleme im Vanilleanbau wohl erst dann gänzlich verschwinden, wenn sich die Strukturen vor Ort ändern. So müsste die Korruption im Land abnehmen und die Polizei die Farmer besser schützen. Dass der Einsatz der Blockchain zu energieintensiv ist und deswegen per se nicht nachhaltig sein kann, glaubt der Unternehmer Christoph Haupenthal dagegen nicht. Der Energieverbrauch einer Blockchain hänge stark von der konkreten Anwendung ab, sagt er. “Darüber hinaus werden nicht alle Informationen entlang der Lieferketten in der Blockchain gespeichert, sondern nur Teile davon, die kritisch sind.”

Mehr zum Thema lesen?

  • Über die kriminellen Strukturen im Vanillegeschäft berichtet neben der NZZ auch die New York Times.
  • Über ein Start-up, das Kaffee aus Ruanda per Blockchain trackt, berichtet das Portal Africa-live.
  • Welche Ansätze es neben der Blockchain gibt, den Vanilleanbau nachhaltiger zu gestalten, berichtet der Deutschlandfunk.

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