Textilindustrie in Äthiopien: Das Ende einer Erfolgsgeschichte?

Die Textilindustrie in Äthiopien soll bis zum Jahr 2030 zum 30 Milliarden Dollar-Geschäft werden. So will es die äthiopische Regierung. Derzeit leidet die aufstrebende Branche allerdings unter der Coronapandemie und den politischen Unruhen. Ein anderes Land in Afrika könnte profitieren.

Urlaubssouvenirs sind etwas Feines. Man sieht sie und schon kommen die Erinnerungen. Mir ging das heute Morgen mit einem traditionell gewebten Stofftuch so. Das Tuch fiel mir beim Aufräumen in die Hände und erinnerte mich an einen turbulenten Tag, den mein Mann und ich beim Backpacking in Äthiopien verbrachten.

An jenem Tag besuchten wir das Volk der Dorze im Süden des Landes. Der Besuch bei den Dorze ist interessant, kann aber touristisch sein. Wir machten dort zunächst eine schlechte Erfahrung. Einige dubiose, selbst ernannte “Wachleute” verlangten Eintritt von uns, um ein ganz normales, öffentliches Dorf zu besuchen. Erst nach einigem Hin und Her lernten wir vor Ort einen jungen Lodgebesitzer kennen. Er gehört selbst den Dorze an und hat uns viel über das Leben der Menschen gezeigt. So wurde der Tag doch noch schön und das handgewebte Stofftuch nahmen wir als Souvenir mit.

Dorze Äthiopien
Die Dorze machen Brot aus den Blättern des Ensete-Baumes. Die Blätter werden auch für den Hausbau verwendet. (Foto: KS)

Textilindustrie in Äthiopien: Eine Vorzeigebranche mit Problemen

Die Dorze sind bekannt für ihre Webkünste und auch insgesamt hat die Textilherstellung in Äthiopien eine lange Tradition. Der Anblick unseres Stofftuchs brachte mich daher auf die Idee, mich für meinen Blog mit der Textilindustrie in Äthiopien zu beschäftigen. Die Branche galt bis vor Kurzem als absolutes Aushängeschild des Landes. Die Regierung hat sich nämlich das ambitionierte Ziel gesetzt, im Jahr 2030 jährlich 30 Milliarden Dollar mit Textilexporten umzusetzen. Das Land soll zu einer Art “afrikanischem Bangladesch” werden.

https://wirtschaftinafrika.de/textilindustrie-in-aethiopien/Die Regierung will dabei vor allem mit niedrigen Preisen punkten. “Wir haben große Baumwollplantagen, niedrige Lohnkosten, eine zuverlässige Stromversorgung und den niedrigsten Strompreis in Afrika.” Das sagt Aschalew Tadesse, Direktor für Investitionen bei der Äthiopischen Investitionskommission. Äthiopien hat in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Großkonzerne angelockt, von H&M bis Tchibo. Zuletzt ist diese Entwicklung aber ins Stocken geraten. Die Coronapandemie und die politischen Unruhen im Land schrecken zahlreiche Investoren ab.

Rund 200 Firmen im Land aktiv

Noch bis vor Kurzem galt Äthiopien insgesamt als Land mit vielen Chancen. Wie das Bundesentwicklungsministerium schreibt, wuchs die Wirtschaft des Landes in den Jahren 2007 und 2017 jeweils zwischen 8,6 und 12,6 Prozent, wenn auch von sehr niedrigem Niveau aus. “Die Politik ist sehr entwicklungsorientiert und zeugt von einer großen Entschlossenheit, die ehrgeizige nationale Entwicklungsstrategie umzusetzen”, heißt es noch immer auf der Seite des BMZ. Als mein Mann und ich das Land Anfang des Jahres 2020 bereisten, war diese Aufbruchstimmung auch zu spüren. In Addis Abeba wurde wie wild gebaut, neue Straßen erleichterten das Backpacking und wir konnten uns fast überall sicher bewegen.

Skyline von Addis Abeba
Die Skyline von Addis Abeba: Überall entstehen neue Hochhäuser. (Foto: KS)

Blickt man auf die Textilindustrie, lassen sich die Fortschritte ebenfalls in Zahlen fassen. Im Jahr 2020 waren insgesamt gut 200 Bekleidungs- und Textilfabriken in Äthiopien tätig. Das schreibt die Internationale Arbeitsorganisation mit Verweis auf die äthiopische Regierung. Damit machte die Textilbranche zwar nur 0,6 der gesamten Wirtschaftsleistung von Äthiopien aus. Und auch von ihrem 30-Milliarden-Dollar-Ziel ist die Regierung mit Textilexporten in Höhe von aktuell rund 140 Millionen Dollar noch weit entfernt. Doch die Erwartungen an die Branche waren bis vor Kurzem riesig. Die Wachstumsraten der Textilindustrie lagen von 2013 bis 2018 im Schnitt bei 51 Prozent.

Staatlich geförderter Industriepark als Jobmotor

Als Aushängeschild der jungen Branche gilt der staatlich geförderte Industriepark bei Hawassa. Hawassa hat 300 000 Einwohner und liegt im Süden von Äthiopien, am Ufer des Awassa-Sees. Der Industriepark ist einer von insgesamt 13 im Land und gilt als Vorzeigeprojekt der Regierung. Medienberichten zufolge arbeiten dort rund 35 000 Menschen. Das entspricht jedem fünften Einwohner von Hawassa. Andere Quellen sprechen von 28.000 Beschäftigten. Auf jeden Fall gilt: Die Textilindustrie hat schon jetzt für manche Regionen im Land enorme Bedeutung.

Jobs, Jobs, Jobs: Genau die sind nämlich für die junge äthiopische Bevölkerung wichtig – auch wenn viele Beschäftigte in der Textilindustrie aktuell noch sehr wenig verdienen. Wie das Onlineportal Fibre2fashion schreibt, liegen die Löhne in Äthiopien bei circa 50 US-Dollar pro Monat. In Vietnam sind sie im Schnitt drei Mal so hoch. Für globale Modekonzerne, die stark im Wettbewerb stehen, macht das Äthiopien als Standort attraktiv. Dass viele Beschäftigte von den niedrigen Löhnen kaum leben können, ruft aber auch Kritik hervor.

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Was die Textilindustrie in Äthiopien ausbremst

Die Aufbruchsstimmung in der Textilindustrie in Äthiopien hat zudem jüngst ein abruptes Ende gefunden. Zunächst hat die Coronapandemie die Branche über Monate lahmgelegt. Wie die deutsche Außenwirtschaftsförderung GTAI schreibt, können viele Betriebe im Land seitdem nur noch mit geringerer Auslastung produzieren. Wichtige Auftraggeber wie der US-Händler Children’s Place haben wegen der Corona-Lockdowns Bestellungen reduziert.

Darüber hinaus kämpft das Land mit hohen Rohstoffpreisen. Überschwemmungen haben einen Teil der Baumwollernte im Land zerstört und “für Importe fehlen Devisen“, also US-Dollar, schreibt die GTAI. Jetzt, wo die Lockdowns in westlichen Ländern weniger werden, tut sich die Branche zudem mit dem Wiederaufschwung schwer. Der bewaffnete Konflikt um die Region Tigray schreckt viele ausländische Investoren ab. Im Industriepark Mekelle im Norden des Landes wurden durch die schweren Kämpfe wichtige Textilfabriken zerstört.

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Erinnerung an gute Zeiten: Dieses Video der Vereinten Nationen zeigt den Aufstieg der Textilindustrie in Äthiopien.

Textilindustrie in Äthiopien: Politische Sanktionen als Risiko

Klar ist: Früher oder später wird sich die globale Modeindustrie wieder vollständig von der Coronapandemie erholen. Ob Äthiopien dann an seine Erfolge von vor der Krise anknüpfen kann, scheint aber fraglich. Für das Land könnten nämlich politische Sanktionen zum Problem werden.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt, überlegen die Vereinigten Staaten, Äthiopien aus dem African Growth and Opportunity Act (AGOA) ausschließen. Das ist ein Handelsabkommen, durch das Unternehmen aus Entwicklungsländern Waren zollfrei in die USA importieren können. 70 Prozent der Exporte der äthiopischen Industrieparks kommen allein durch dieses Abkommen zustande, schreibt The Reporter Ethiopia. Würden die USA also ihre Drohung umsetzen und den AGOA-Vertrag mit Äthiopien auflösen, wäre das für die Industrialisierung des Landes ein drastischer Rückschlag.

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Textilindustrie in Äthiopien: Madagaskar als Konkurrenz?

Ich persönlich hoffe sehr, dass Äthiopien wieder Frieden findet und an seine ökonomischen Erfolge vor dem Tigray-Konflikt anknüpfen kann. Gelingt das nicht, könnte ein anderes Land vom Aufschwung der Textilindustrie nach der Coronapandemie profitieren: nämlich Madagaskar. Wie die US-Behörde International Trade Administration schreibt, “steht [Madagaskar] unter den afrikanischen Ländern südlich der Sahara an erster Stelle der Textilexporte in die EU und an dritter Stelle in die Vereinigten Staaten”.

Auch in Madagaskar gibt es für Textilhersteller Hürden. Wie das Portal Fibre2Fashion analysiert, ist die logistische Infrastruktur im Land nicht gut ausgebaut. Korruption ist ein großes Problem. Und die Versorgung mit Elektrizität und mit Krediten ist für Unternehmen schwierig. Gleichzeitig sind aber die Arbeitskosten ähnlich niedrig wie in Äthiopien. Und bei einem so personalintensiven Geschäft wie der Mode lassen sich ausländische Investoren mit diesem Argument oft trotz allem überzeugen.

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