Grüner Wasserstoff aus Afrika: Warum er für Deutschland so wichtig ist

Grüner Wasserstoff aus Afrika

Grüner Wasserstoff gilt als zentrale Zukunftstechnologie. Deutschland will dabei Vorreiter sein – doch damit das gelingt, braucht die Bundesregierung Unterstützung aus Afrika. Denn dort gibt es anders als hierzulande genug Sonne, Wind und genügend freie Flächen für neue Energieanlagen.

Wie kann Deutschland bei wichtigen Zukunftstechnologien wieder unabhängiger werden? Diese Frage hat derzeit in Berlin hohen Stellenwert. “Technologische Souveränität” lautet das Ziel der Bundesregierung und das Bundesforschungsministerium hat dazu kürzlich ein Impulspapier vorgelegt. Darin sind zwölf Bereiche definiert, in denen Deutschland künftig Vorreiter sein will: darunter künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Batterieforschung und der sogenannte grüne Wasserstoff.

Wasserstoff an sich kommt schon jetzt in großem Umfang in der Industrie zum Einsatz. Unternehmen brauchen das farblose Gas zum Beispiel bei der Produktion von Stahl und Chemikalien. Problematisch ist aber, dass die Herstellung von Wasserstoff also die Aufspaltung von Wasser in H und O ziemlich energieintensiv ist. Und bisher kommt dabei vor allem klimaschädliches Erdgas zum Einsatz. Ziel der Bundesregierung ist es daher, die Produktion von Wasserstoff auf erneuerbare Energien umzustellen, also grünen Wasserstoff zu produzieren. Das soll Deutschlands industrielle Klimabilanz entscheidend aufhübschen.

Der Plan hat allerdings einen Haken: So viel Wind und Sonne, um genügend grünen Wasserstoff zu produzieren, hat Deutschland gar nicht.

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Diese 3sat-Reportage erklärt genauer, wie grüner Wasserstoff hergestellt wird und welche Chancen und Risiken das birgt.

Grüner Wasserstoff in Afrika: Deutschland setzt auf Partner

Die Bundesregierung hat sich daher eine Strategie überlegt und bei der spielt der afrikanische Kontinent eine entscheidende Rolle. Dort gibt es nämlich deutlich mehr Wind, Sonne und außerdem jede Menge Platz. Alles gute Voraussetzungen also, um in großem Umfang erneuerbare Energie und damit Wasserstoff zu erzeugen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek betonte schon bei einer Westafrika-Reise im Jahr 2019, dass der Kontinent für Deutschland ein wichtiger Partner werden soll. Die Bundesregierung sagte zu, Klimaexperten auszubilden und die Region bei der Erhebung von Klimadaten zu unterstützen. Außerdem hat sie angefangen, einen sogenannten Potentialatlas zu erstellen, also zu prüfen, in welchen afrikanischen Länder die Produktion von grünem Wasserstoff Sinn machen würde.

Zuständig dafür sind Experten vom Forschungszentrum Jülich. Die Forscher analysieren nun im Auftrag der Bundesregierung für 31 afrikanische Länder, wie viel erneuerbare Energieressourcen die Länder bieten, ob es für die Erzeugung von Wasserstoff genug freie Flächen gibt und wie gut die Energieinfrastruktur dort ausgebaut ist. Ziel des Projekts ist es außerdem, erste Pilotanlagen zu entwickeln. Dadurch wollen die Beteiligten zeigen, dass die Erzeugung von grünem Wasserstoff vor Ort nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Die Forscher aus Jülich arbeiten dabei eng mit Kollegen aus Ghana und Namibia zusammen.

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Der Physiker Solomon Nwabueze Agbo leitet das Forschungsprojekt in Jülich. In diesem Video erklärt er die Ziele.

Grüner Wasserstoff aus Afrika: Süden und Westen im Fokus

Fertig sein soll der “Potentialatlas” Ende 2021. Stand jetzt stehen dabei wohl vor allem Länder im Süden und Westen des afrikanischen Kontinents im Fokus. Darüber hinaus könnte Marokko eine wichtige Rolle spielen. Wie ich kürzlich auf meinem Blog berichtet habe, gilt das Land in Sachen Klimaschutz schon länger als internationaler Vorreiter. Es hat sich ambitionierte CO2-Einsparziele gesetzt und baut konsequent seine erneuerbaren Energien aus. Dementsprechend sieht die marokkanische Regierung in den deutschen Pläne offenbar eine Chance. Wie die Heinrich-Böll-Stiftung schreibt, will das Land “zu einem Weltmarktführer in der Produktion” von Wasserstoff aufsteigen. Den Bau einer ersten großen Anlage fördert Deutschland mit Krediten in Höhe von fast 90 Millionen Euro.


Klimaschutz in Marokko

Marokko gilt beim Thema Klimaschutz als internationaler Vorreiter. Das liegt nicht nur daran, dass das Land viel Solarenergie produziert. Was die Regierung sonst noch macht, lest ihr hier.


Allerdings gibt es bei Deutschlands Wasserstoff-Strategie auch eine ganze Reihe an Herausforderungen. Schließlich steht in vielen afrikanischen Ländern die Energiebranche noch sehr am Anfang. Um überhaut erneuerbare Energie vor Ort fördern zu können, braucht es also zunächst eine ganze Menge Infrastruktur. Und dann braucht es weitere Anlagen, um die Energie in Wasserstoff umzuwandeln. Das alles ist teuer und zeitintensiv. Außerdem benötigen die Länder dafür speziell ausgebildetes Personal, das derzeit noch nicht überall bereit steht. Eine aktuelle Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung warnt daher, “dass […] das Thema des Importes von grünem Wasserstoff in seiner Komplexität noch zu wenig verstanden wird und die Herausforderungen […] teilweise unterschätzt werden.”

Grüner Wasserstoff aus Afrika: Wer profitiert (nicht)?

Darüber hinaus sind die Pläne der deutschen Regierung auch politisch heikel. Afrikanische Länder sollen Energie nach Deutschland schicken, obwohl sie selbst oft stark unterversorgt sind. Das wirft offensichtlich Fragen auf. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft bdew betont daher, dass afrikanische Länder nur “zusätzlichen” Strom exportieren sollen. Das sei in der Wasserstoffstrategie der Regierung ausdrücklich festgelegt. Auch sollen die beteiligten afrikanischen Länder vom Aufbau der neuen Infrastruktur profitieren. Und die Experten vom Forschungszentrum Jülich ergänzen: “Der Aufbau einer Infrastruktur aus Erneuerbaren Energien würde nicht nur unmittelbar Stellen schaffen, sondern auch mittelbar: Durch die Förderung von handwerklichen Betrieben, welche Strom für die Herstellung von Waren benötigen.” Eine klare Win-Win-Situation also?

Eine Tonne Wasserstoff
So viel Energie braucht man für eine Tonne Wasserstoff. (Quelle: BMBF)

Andere sind sich da nicht so sicher. Die Heinrich-Böll-Stiftung zum Beispiel kritisiert, dass Marokko inzwischen zunehmend erneuerbare Energie exportiere dafür aber im eigenen Land mehr Kohle einsetze. Und die taz befürchtet, dass bei Energieprojekten, die mit deutschem Geld finanziert werden, auch deutsche Interessen Priorität haben. Mit anderen Worten: Ob tatsächlich nur “zusätzlicher” Strom exportiert wird, halten die Autoren*innen für fraglich.

Ich persönlich finde ein abschließendes Urteil zum Thema schwierig. Grundsätzlich ist es aus meiner Sicht wichtig, dass mehr in den Energiesektor in afrikanischen Ländern investiert wird. Ob am Ende allerdings tatsächlich alle Beteiligten von den deutschen Plänen profitieren, hängt stark von der konkreten Umsetzung ab. Und es kann nur gelingen, wenn faire Rahmenbedingungen von Anfang an vertraglich vereinbart und regelmäßig überprüft werden.

Aktualisierung (31.05.20201):

Das Forschungszentrum Jülich hat Ende Mai die ersten Ergebnisse aus dem sogenannten Potentialatlas vorgestellt. Die Ergebnisse könnt ihr hier nachlesen.

Mehr zum Thema lesen?

  • Wie Deutschland die Produktion von grünem Wasserstoff in Marokko fördern will, hat die GTAI zusammengefasst.
  • Profitiert Marokko von den deutschen Wasserstoff-Plänen? Die Heinrich-Böll-Stiftung ist dieser Frage in einer ausführlichen Analyse nachgegangen.
  • Die taz sieht den Import von grünem Wasserstoff aus Afrika kritisch und erklärt das am Beispiel des Kongos.
  • Welche Chancen und Risiken der Import von grünem Wasserstoff birgt, hat das Fraunhofer-Institut untersucht.

5 Antworten zu “Grüner Wasserstoff aus Afrika: Warum er für Deutschland so wichtig ist”

  1. “Grüner” Wasserstoff überwiegend im Süden und Westen Afrikas hergestellt, dann per Schiff (Diesel) nach Deutschland (Europa) transportiert ist dann schon nicht mehr ganz so grün. Längere Pipelines in unsicheren Gebieten dürften nicht funktionieren. Bevor die Länder Afrikas nicht ihre internen Probleme mit Terrorismus und Kolonial-Altlasten in den Griff bekommen, halte ich das, zumindest kurzfristig, für utopisch und blinden Aktivismus – so, wie die ganze Gesundheits- und Klimapolitik der letzten Jahre.

    1. Herzlichen Dank für Ihre kritische Einschätzung und Ihr Interesse an dem Thema. Die Frage nach dem Transport bei grünem Wasserstoff ist sicherlich wichtig und gerechtfertigt. Dass afrikanische Länder grundsätzlich “interne Probleme mit Terrorismus und Kolonial-Altlasten” haben bzw. diese in den Griff bekommen müssen, ist allerdings meiner Einschätzung nach eine viel zu pauschale Aussage. Ich halte einen differenzierten Blick in dieser Sache für sehr wichtig.

  2. Wozu braucht Deutschland grünen Wasserstoff?
    Woher kommt das Wasser (süß oder salzig) zum Aufspalten?
    Offensichtlich soll ja der Wasserstoff wieder Oxidiert = Wasser werden. Also Wasser aus einem sowieso schon wasserarmen Kontinent nach Deutschland transportieren und damit es billiger wird, nur das Gas Wasserstoff?
    Wo viel Transport nötig ist, kann die Ökobilanz nicht verbessert werden, egal auf welchen Wirtschaftsgebiet.

    1. Vielen Dank für die kritischen Fragen und das Interesse an meinem Artikel. Die Frage, woher das nötige Wasser für die deutschen Pläne kommen soll, halte ich ebenfalls für sehr relevant. Deutschland importiert ja auch jetzt in großem Umfang Öl/Erdgas etc. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Bundesrepublik auch künftig bis zu einem gewissen Grad auf Importe im Energiebereich angewiesen sein. Um so wichtiger ist es, dass solche Fragen bei neuen Technologien von Anfang an mitgedacht werden.

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