Project Loon: Googles Internetballons starten über Kenia

Project Loon: Googles Internetballons in Kenia

Der US-Konzern Google hat im Jahr 2013 angekündigt, mithilfe von riesigen Heliumballons Internet in entlegene Regionen bringen zu wollen. Project Loon wurde dieses Unterfangen getauft. Nun sind die ersten Ballons standardmäßig über Kenia im Einsatz.

Wie eine riesige, transparente Qualle mit zusammengeschnürten Fangarmen: So sehen sie aus, die High-Tech-Internetballons von Google. 35 Stück davon hat das Unternehmen kürzlich von Puerto Rico aus nach Ostafrika gesteuert, mithilfe von Künstlicher Intelligenz und natürlichen Winden. Dort schweben sie nun kilometerweit über der Erdoberfläche und versorgen die Menschen vor Ort mit Internet nach dem 4G/LTE-Standard.

Was abgefahren klingt, ist das Ergebnis von sieben Jahren Forschung von einem der größten Unternehmen der Welt. Im Jahr 2013 hatte Google die Idee zu den Internetballons erstmals vorgestellt. “Wir glauben, dass es tatsächlich möglich sein könnte, einen Ring von Ballons zu bauen, die auf den stratosphärischen Winden um den Globus fliegen und einen Internetzugang zur Erde darunter bieten”, schrieb das Unternehmen damals in einem Blog-Beitrag. Die Idee möge ein bisschen verrückt klingen. Daher nenne man das Vorhaben auch Project Loon – also auf deutsch: Projekt Spinner. “Aber es steckt solide Wissenschaft dahinter.”

Project Loon: Internet für abgelegene Gebiete

Inzwischen ist aus dieser fixen Projektidee ein eigenständiges Unternehmen geworden: die Firma Loon, die wie Google zum Mutterkonzern Alphabet gehört. Und seit Mitte Juli sind die Internetballons erstmals kommerziell in einem Land Einsatz, nämlich in Kenia. Der ostafrikanische Staat gilt als einer der Tech-Vorreiter auf dem Kontinent. Die Regierung dort hat in den vergangenen Jahren viel getan, um die Internetversorgung vor Ort zu verbessern. Wie die staatliche Statistik zeigt, hatten im Frühjahr daher rund 39 von insgesamt 51 Millionen Kenianern Zugang zu Internet – also etwa drei Viertel der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland nutzten vor der Corona-Krise 86 Prozent der Menschen das Netz.

Dennoch gibt es in Kenia aber nach wie vor sehr abgelegene Ecken. Daran kann ich mich noch bestens von meiner Recherchereise im Jahr 2014 erinnern, auch wenn das nun schon eine Weile her ist. Stundenlang sind wir damals mit dem Jeep über holprige Pisten gefahren, um ein Brunnenbau-Projekt im Dorf Nentaraja im Süden des Landes zu besichtigen. Die Menschen vor Ort wohnten in einfachen Hütten und hatten, soweit ich das beurteilen konnte, weder Strom, noch fließendes Wasser – geschweige denn zuverlässiges Internet.

Googles Internetballons: günstiger als Kabelnetze?

Wie kann es gelingen, solche ländlichen Gebiete ans Internet anzuschließen? Die Herausforderungen, vor denen die kenianische Regierung dabei steht, sind ganz ähnliche wie in Deutschland. Für private Unternehmen lohnt es sich nicht, Kilometer über Kilometer an Kabeln zu verlegen – um dann zwanzig Häuser anzuschließen. Theoretisch müsste der Staat solche Projekte also fördern.  Aber da Kenia noch einmal ein ganzes Stück größer ist als Deutschland, während gleichzeitig deutlich weniger Menschen dort wohnen, würde so eine Förderung ziemlich teuer werden.

Also, was tun, um die weißen Flecken auf der Internetkarte auszumerzen? Die kenianische Regierung versucht dieses Problem nun mit den Internetballons von Loon auf innovative Weise anzugehen. Loon arbeitet vor Ort mit Telkom Kenya zusammen, dem drittgrößten Telekommunikationsanbieter im Land. Die kenianische Regierung gab Medienberichten zufolge im März ihre finale Zustimmung zu dem Projekt. Und so bekam Uhuru Kenyatta, der kenianische Präsident, dann auch den allerersten Videoanruf beim Launch der neuen Internetballons.

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Dieses Video zeigt die Einweihung der Ballons und den Videocall mit Präsident Uhuru Kenyatta.

Googles Internetballons: wie schwebende Mobilfunkmasten

Die Frage, wie genau die neue Technologie funktioniert, hat Loon-Chef Alastair Westgarth jüngst in einem Blogeintrag erklärt. Demnach werden die Ballons in Puerto Rico zunächst mithilfe einer speziellen Startvorrichtung in die Luft manövriert. Machbar ist ein Start pro halbe Stunde. Jeder Ballon ist dabei mit einer Art Navigationssystem ausgestattet. Darin laufen Machine-Learning-Algorithmen ab, die dafür sorgen, dass die Ballons natürliche Windströmungen so geschickt nutzen, dass sie irgendwann an ihrem vorgegebenen Zielpunkt ankommen – selbst wenn dieser wie bei Kenia tausende Kilometer entfernt liegt.

Project Loon: Startstation für Googles Internetballons
Project Loon: So sehen sie aus, die Startstationen für Googles Internetballons (Foto: Loon).

In Kenia schweben die Ballons nun innerhalb einer vorgegebenen Zone durch den Himmel – ähnlich wie “schwebende Mobilfunkmasten”, schreibt Westgarth. Dabei blieben die 35 Ballons nicht fest an Ort und Stelle, sondern führten eine Art gemeinsamen Tanz auf und arbeiteten kontinuierlich im Netzwerk zusammen: “Abhängig von seiner Position kann ein Ballon abwechselnd aktiv Benutzer bedienen, als Zubringer […] fungieren, um das Internet zu anderen Ballons zu beamen, oder sich selbst neu positionieren, um in das Versorgungsgebiet zurückzukehren.”

Project Loon: Nur verrückt – oder gefährlich?

Insgesamt will Loon dadurch ein Gebiet von fast 50.000 Quadratkilometern mit Internet versorgen, vor allem im Westen und im Zentrum von Kenia. Dabei erreiche man Upload-Geschwindigkeiten von 4,74 Megabit pro Sekunde und eine Download-Geschwindigkeit von 18,9 Megabit. Nach Angaben von Loon können die Menschen also jetzt sogar in guter Qualität Videos streamen oder eben Videoanrufe durchführen. Solarpanels an den Ballons halten die Technologie am Laufen. Allerdings, mit einer Einschränkung: Je nach Wind in der Stratosphäre könne das Internet auch mal ausfallen, warnt Westgarth.

Rund 20 Kilometer über der Erdoberfläche fliegen die Ballons, deutlich höher also als Flugzeuge. Am Wichtigsten dürfte wohl sein, dass sie überhaupt dort oben bleiben – sonst könnte es für die Menschen am Boden gefährlich werden. Vor rund zwei Jahren zum Beispiel stürzte laut Medienberichten einmal ein Testballon auf einen Acker, was zahlreiche Schaulustige anlockte. Mais und Bohnen auf dem Feld wurden niedergetrampelt. Der Farmer überlegte, den Google-Konzern zu verklagen. Dort aber hieß es nur, die Landung sei sicher und koordiniert gewesen.

Internetballons ermöglichen neue Geschäftsmodelle

Aus technologischer Sicht ist das Project Loon spannend – so viel ist klar. Wie aber steht es um den tatsächlichen Nutzen? Nixon Muganda, Professor an der Universität von Witwatersrand in Südafrika, geht davon aus, dass die Ballons die Internetversorgung in Kenias ländlichen Gebieten verbessern werden. Das schreibt er auf dem Online-Portal The Conversation. Eine Hoffnung von Unterstützern des Projekts ist, dass dadurch ganz neue Geschäftsmodelle möglich werden – zum Beispiel im Bereich digitale Bildung. Wie ich schon berichtet habe, hat die in Kenia gerade während der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen.

Project Loon: ein Internetballon in voller Pracht
Gut 100 Tage können die Internetballons am Stück in der Luft bleiben, bevor sie zurück zur Erde müssen (Foto: Loon).

Darüber hinaus könnte das neue Angebot auch dazu führen, dass die Telekommunikationsanbieter in Kenia nutzerfreundlicher werden, schreibt Muganda weiter. “Der Markteintritt könnte die derzeitigen Marktteilnehmer dazu veranlassen, ihre Preismodelle zu überdenken und ihr Dienstleistungsangebot innovativer zu gestalten.” Derzeit wird der Markt in Kenia klar vom Anbieter Safaricom dominiert und Datenvolumen scheint für Nutzer ziemlich teuer zu sein.

Kritiker stellen Mehrwert in Frage

Andererseits merkt Muganda kritisch an, dass die Ballons gerade jenen lokalen Internetanbietern schaden könnten, die sich beim Anschluss entlegener Regionen bisher besonders Mühe gegeben haben. Und Phares Kariuki, Chef einer Datenverwaltungsfirma in Nairobi, hat gegenüber der New York Times gesagt, die Internetballons würden nur wenigen Menschen im Land helfen. Für ihn steht der Nutzen der Technologie also offenbar nicht im Verhältnis zu deren Aufwand.

Fraglich ist daher auch, ob sich der Einsatz der Technologie überhaupt langfristig rechnet. Medienberichten aus dem Jahr 2015 zufolge, kostete es Loon anfangs mehrere tausend Dollar einen einzigen der Internetballons zum Fliegen zu bringen. Inzwischen dürfte das günstiger sein; zu den genauen Kosten hält sich das Unternehmen aber bedeckt. Um die Entwicklung zu finanzieren, hat Loon unter anderem viel Geld von Investoren eingesammelt – zum Beispiel vom Technologie-Investor Softbank.

Loon selbst sieht seine neuartigen Internetballons dabei nicht als Ersatz für klassische Internetverbindungen per Kabel oder Satellit, sondern als Ergänzung. Es sei eben eine spezielle Lösung für jene Gegenden, die bisher durchs Raster fielen, schreibt Westgarth. Für Kenia wiederum bietet das Projekt zumindest die Chance, sich der Welt als innovationsfreudig und technologieaffin zu präsentieren. Aufstrebende Staaten weltweit beobachten den Testlauf aufmerksam. Das Land Mosambik zum Beispiel hat ebenfalls schon Interesse angemeldet.


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