Musik aus Afrika: Der Wettstreit der Streamingdienste

Musik aus Afrika

Das Lied Jerusalema von Master KG aus Südafrika hat Menschen auf der ganzen Welt zum Tanzen gebracht. Und auch andere afrikanische MusikerInnen werden bekannter. Internationale Streamingdienste wittern einen Milliardenmarkt.

Die sozialen Netzwerke waren in den vergangenen Wochen und Monaten voll von der Dance Challenge zum südafrikanischen Megahit Jerusalema. Egal ob Piloten von Austrian Airlines, Polizisten aus dem Märkischen Kreis oder Schüler aus Dortmund: Bundesweit haben Menschen zu Jerusalema die Hüften geschwungen und die Videos davon im Netz hochgeladen. In den tristen Pandemietagen war die Dance Challenge offenbar eine willkommene Abwechslung und für viele eine gute Gelegenheit, endlich mal wieder ausgelassen zu sein.

Bis dieser Hype Deutschland erreichte, dauerte es eine ganze Weile. Der südafrikanische Sänger und DJ Master KG hat seinen Hit schon Ende 2019 veröffentlicht – nur war er damals eben noch ein ziemlich unbekannter Newcomer. Inzwischen haben seinen Hit weltweit 320 Millionen Menschen gestreamt. Außerdem hat der 27-Jährige für Jersulema mehrere Preise gewonnen. Davon profitiert nicht nur er, sondern die gesamte afrikanische Musikindustrie: Mit seinem Durchbruch ist nämlich eine ganze Reihe weiterer afrikanischer Künstler ebenfalls ins Scheinwerferlicht gerückt.

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Musik aus Afrika: Noch fehlen die Stars

Generell gilt: Die Musikszene in Afrika ist schon lange erfolgreich und vor allem extrem vielfältig. Bekannt ist der Kontinent bisher vor allem für die Musikrichtung Afrobeat. Das ist eine Mischung aus westafrikanischer Musik, amerikanischem Jazz und auch Funk-Einflüssen. Die dynamischen Sounds haben Künstler auf der ganzen Welt beeinflusst. Afrikanische Stars kannte man aber bisher trotzdem kaum. Was der Musikindustrie in Afrika also fehlte, waren Aushängeschilder, die die Menschen kannten und hören wollten – am besten den ganzen Tag lang.

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Das ändert sich langsam, auch dank Jerusalema. Dazu kommt, dass sich auch auf dem afrikanischen Kontinent selbst derzeit vieles tut. Streamingdienste aus der ganzen Welt haben die riesige, junge Bevölkerung als interessanten Markt für sich entdeckt. Sie wollen Nutzer mit guten Inhalten locken und investieren daher nun verstärkt auch in afrikanische Künstler*innen und Musikproduktionen. Die Branche erfährt dadurch eine schnelle Professionalisierung – auch wenn manche Hürden nach wie vor bleiben.

Musik aus Afrika: Wie groß ist das Potential?

Der afrikanische Musikmarkt geht durch die Decke” oder “Afrikas Musikindustrie kann Milliarden bringen“: Solche Schlagzeilen liest man derzeit immer wieder. Das Portal Weetracker schreibt mit Verweis auf Statista, dass der afrikanische Streamingmarkt bis zum Jahr 2024 jährlich um zwölf Prozent wachsen wird. Mittelfristig könnten pro Jahr dann gut 800 Millionen Dollar umgesetzt werden. Zu den wichtigsten Märkten zählen Nigeria (die Heimat des Afrobeats) sowie Kenia und Südafrika.

Die größte Herausforderung für die Streamingindustrie auf dem Kontinent ist derzeit, Geld zu verdienen. Um ihren Nutzern gute Inhalte bieten zu können, müssen die Unternehmen teure Lizenzverträge mit Plattenfirmen abschließen. Das lohnt sich nur, wenn sie eine große Zahl an Nutzern haben, die entweder Geld bezahlen oder Werbung akzeptieren. Die meisten zahlenden Nutzer beim Streaming gibt es derzeit in Nigeria, wie eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Geopoll aus dem Jahr 2019 zeigt.

Welche Stars sollte man kennen?

Ein paar Namen kennt ihr vielleicht schon. Zum Beispiel Wizkid aus Nigeria. Der 30-Jährige kommt aus Lagos in Nigeria und hat unter anderem schon mit dem kanadischen Rapper Drake zusammen gearbeitet. Gemeinsam haben sie die Single One Dance aufgenommen, die 2016 sogar eine Woche lang die deutschen Single Charts anführte. Die Sängerin, die ihr im Video hört, ist die Britin Kyla:

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Ziemlich bekannt ist inzwischen auch Burna Boy aus Nigeria. Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat ihm vor Kurzem ein großes Porträt gewidmet. Im Jahr 2019 trat der Sänger und Rapper sogar beim renommierten Coachella-Festival in Californien auf. Und er arbeitete für den Soundtrack von “König der Löwen” mit Superstar Beyoncé zusammen. Sein Song “On the low” hat bei YouTube über 180 Millionen Aufrufe:

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Darüber hinaus gibt es aber auch eine ganze Reihe aufstrebender Stars. Sie werden auf dem afrikanischen Kontinent gerade groß – warten aber noch auf ihren internationalen Durchbruch. Das Portal musicinafrica.net stellt einige davon vor, genauso wie der britische Sender BBC. Genannt werden dabei Stars aus ganz unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel Fik Fameica aus Uganda, Gaz Mawete aus der Demokratischen Republik Kongo und Sha Sha aus Zimbabwe.

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Woher kommt der plötzliche Erfolg?

Ein großer Treiber für den Erfolg der afrikanischen Musikindustrie sind neue Streaming-Angebote. Dadurch wird Musikhören einfacher und günstiger und erfolgreiche Songs können sich viral verbreiten – so wie Jerusalema von Master KG. Richtig erfolgreich auf dem Kontinent ist der Streamingdienst Boomplay. Dieser wurde 2015 von zwei chinesischen Konzernen in Nigeria gegründet und ist auf Smartphones des chinesischen Herstellers Transsion vorinstalliert. Für Boomplay ist das ein guter Deal, denn Transsion gehört zu den führenden Smartphone-Anbietern auf dem Kontinent. Mit Marken wie Tecno, Itel, Infinix ist das Unternehmen Medienberichten zufolge sogar erfolgreicher als Samsung.

Laut dem Musikmagazin Billboard hatte Boomplay dadurch Mitte des Jahres 2020 schon rund 75 Millionen Nutzer auf dem Kontinent. Genau wie Spotify verdient das chinesische Start-up Geld über Werbung, bietet darüber hinaus aber eine werbefreie Bezahl-Version seiner App an. Boomplay hat Lizenzverträge unter anderem mit Warner Music unterzeichnet. Dadurch kann das Unternehmen nun die Musik von Künstlern, die bei Warner Music unter Vertrag sind, in Afrika vermarkten. Die Künstler bekommen also Reichweite. Und Boomplay schafft ein attraktives Angebot für seine Nutzer.

Wie steht es um die Konkurrenz?

Die Konkurrenz für Boomplay ist gewaltig. Wie das Portal Weetracker schreibt, sind auf dem Kontinent insgesamt mehr als 25 Streaminganbieter aktiv. Knapp drei Viertel davon kommen aus Afrika, der Rest sind internationale Unternehmen. Zu den afrikanischen Wettbewerbern zählen zum Beispiel Udux aus Nigeria und Mdundo aus Kenia. Mdundo wurde 2014 vom dänischen Unternehmer Martin Nielsen gegründet. Udux ist 2019 gestartet, auch mit Unterstützung von afrikanischen Afrobeats-Stars. In Nordafrika ist der arabische Streaminganbieter Anghami sehr aktiv.

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Darüber hinaus sind auch internationale Konzerne auf das Geschäft auf dem Kontinent aufmerksam geworden. Apple Music zum Beispiel ist seit dem Jahr 2015 in Südafrika vertreten. Inzwischen ist das Unternehmen in insgesamt 37 afrikanischen Ländern aktiv. Konkurrent Spotify ist eigenen Angaben zufolge bis nur in fünf von insgesamt über 50 afrikanischen Ländern aktiv. Dazu zählen Algerien, Ägypten, Marokko, Tunesien und Südafrika.

Welche Hürden bleiben?

Das größte Problem für die Streamingindustrie auf dem Kontinent ist, dass sehr viel Musik aus Afrika illegal gehört wird. Dadurch gehen den Künstler*innen in großem Umfang Einnahmen verloren. “Der durchschnittliche afrikanische Hörer ist noch nicht bereit, für sein Musikerlebnis zu bezahlen. In einer Region, in der Urheberrechtsgesetze entweder schwach oder gar nicht vorhanden sind, war – und ist – Content-Piraterie in den meisten Bereichen die Norm”, schreibt das Portal African Cube. Inzwischen finde in der Gesellschaft zwar ein Umdenken statt. Allerdings nur sehr langsam.

Dazu kommen technische Hürden. Gerade in ländlichen Gegenden ist die Internetverbindung oft noch nicht stabil genug, um Songs online zu streamen oder herunterzuladen. Darüber hinaus ist mobiles Datenvolumen in vielen afrikanischen Ländern vergleichsweise teuer. Und: In manchen Ländern muss auch die Verbreitung von Smartphones noch zunehmen, damit Streamingdienste mehr Nutzer erreichen können. Ich persönlich hoffe aber, dass diese Probleme bald gelöst werden. Kulturell finde ich es auf jeden Fall sehr spannend, dass wir nun mehr Musik aus Afrika hören. Für mich: gerne mehr davon!

Mehr lesen?

  • Über den Wettbewerb im afrikanischen Streamingmarkt berichtet auch die Deutsche Welle.
  • Der Aufstieg der afrikanischen Musikindustrie ist Thema im SWR.
  • Der britische Sender BBC stellt zehn afrikanische Stars vor, die 2021 groß werden könnten.
  • Das amerikanische Musikmagazin Billboard hat kürzlich ebenfalls über den globalen Erfolg von Afrikas Musikindustrie berichtet.
  • Wie sich die Coronakrise auf Afrikas Musikindustrie auswirkt, könnt ihr in diesem Bericht der Siemens Stiftung nachlesen.
  • Vor allem Südafrika gilt als einer der musikalischen Vorreiter auf dem Kontinent, schreibt das Portal jetzt.de (Süddeutsche Zeitung).

Netflix in Afrika

Nicht nur die Musikindustrie ist in Afrika im Aufschwung, sondern auch die Filmindustrie: Wie Netflix den Kontinent erobern will, lest ihr hier.

2 Antworten zu “Musik aus Afrika: Der Wettstreit der Streamingdienste”

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