Pharmaindustrie in Afrika: Aufschwung in Trippelschritten

Pharmaindustrie in Afrika

Noch ist die Pharmaindustrie in Afrika unterentwickelt. Ein Großteil der Medikamente für den Kontinent wird importiert. Die Afrikanische Union will das nun ändern – und hat durch die Coronakrise für ihre Pläne neuen Schwung bekommen.

Endlich Hoffnung! Diesen Gedanken hatten wohl viele Menschen, als die EU Ende des Jahres 2020 den ersten Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen hat. Seitdem gibt es in Deutschland zwar eine rege Diskussion um die bundesweite Impfstrategie. Weltweit betrachtet gehören wir damit aber immer noch zu den Privilegierten.

Viele Länder haben nämlich nach wie vor ganz andere Sorgen. Der Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer zum Beispiel kommt für viele afrikanische Staaten nicht in Frage. Denn der Impfstoff muss beim Transport auf minus 70 Grad Celsius gekühlt werden. Und das können viele Staaten nicht gewährleisten. Dazu kommt, dass reichere Länder wie die USA und China derzeit weltweit Impfstoff-Vorräte aufkaufen. Auch deswegen könnten über 90 Länder bei der Impfstoff-Verteilung vorerst leer ausgehen, warnt die Weltgesundheitsorganisation.

Pharmaindustrie in Afrika: Das Potential ist riesig

Insgesamt hat die Coronakrise ein weiteres Mal gezeigt: Die medizinische Versorgung in Afrika ist stark von internationalen Konzernen abhängig. Das gilt nicht nur bei der Bekämpfung der Coronapandemie, sondern auch bei anderen Krankheiten. Egal ob Medikamente, Schutzausrüstung oder Beatmungsgeräte: Insgesamt werden bisher rund 80 Prozent der Pharmagüter für den Kontinent importiert. Das steht in einem Artikel des UN-Magazins African Renewal. In Ländern wie Südafrika, Ägypten, Marokko und Kenia gibt es zwar zusätzlich eigene Pharmaunternehmen. Die spielen bisher aber nur eine Nebenrolle.

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Dabei gibt es auf dem Kontinent durchaus eine steigende Nachfrage. „Afrika ist der einzige Pharmamarkt, in dem noch wirklich hohes Wachstum möglich ist“, heißt es zum Beispiel in einer Studie des Marktforschungsunternehmens Goldstein Research. Im Jahr 2017 wurden demnach auf dem Kontinent insgesamt Medizinprodukte im Wert von 29 Milliarden US-Dollar verkauft. Fast sechs Mal so viel wie noch ein Jahrzehnt zuvor. Und bis zum Jahr 2030 werde der Bedarf weiter steigen, schreiben die Analysten: „Für multinationale […] Unternehmen, die nach neuen Wachstumsquellen suchen, ist das eine günstige Gelegenheit.“

Afrikanische Pharmaunternehmen kämpfen mit Hürden

Internationale Pharmakonzerne sehen also Chancen viele afrikanische Politiker dagegen ein großes Risiko: Sie wollen vermeiden, dass ihre Abhängigkeit von den Pharmakonzernen weiter zunimmt. Schon länger hat sich die Afrikanische Union (AU) daher das Ziel gesetzt, eine eigene Pharmaindustrie in Afrika aufzubauen. Im Jahr 2007 beauftragte die sogenannte Gesundheitsministerkonferenz der AU die Entwicklung eines Pharmaceutical Manufacturing Plan for Africa. Gemeint ist damit eine Art Fahrplan, um die pharmazeutischen Kapazitäten vor Ort zu verbessern.

Darin haben Experten mehrere Hürden ausgemacht, die die Entwicklung der Pharmaindustrie in Afrika bisher behindern. Die wichtigsten davon hat Jenet Byaruhanga von der AU in einem Gastbeitrag für African Renewal zusammengefasst. Demnach fehlt es der Pharmaindustrie in Afrika an günstigen Krediten und moderner Technologie, um Forschung zu betreiben. Auch qualifiziertes Personal ist für die Unternehmen schwer zu finden. Außerdem mangelt es ihnen an stabilen Lieferketten im Ein- und Verkauf. Kommen die Unternehmen nicht zuverlässig an Wirkstoffe, können sie auch keine Medikamente herstellen.


Freihandel in Afrika

Zumindest ein Hindernis für die Pharmaindustrie in Afrika ist beseitigt: Hohe Zölle erschwerten bisher den Handel auf dem Kontinent. Ein neues Freihandelsabkommen ändert das.


Pharmaindustrie in Afrika: Klare Standards sollen helfen

Um die Hürden für die Pharmaindustrie in Afrika zu überwinden, haben afrikanische Staaten verschiedene Schritte unternommen. Unter anderem gibt es auf dem Kontinent inzwischen mehrere Branchenverbände, die einheitliche Standards für Medizinprodukte definieren. Auch die afrikaweite African Medicines Regulatory Harmonization Initiative hilft bei diesem Ziel. Für die Hersteller von Pharmaprodukten hat das den Vorteil, dass es den innerafrikanischen Export vereinfacht. Ähnlich wie in der EU gelten dann nämlich überall in Afrika dieselben Regeln für Produkte.

Darüber hinaus hat die Not der Coronakrise der Branche einen Schub verpasst. Das schreiben die Auslandskorrespondentinnen Sarah Mersch und Bettina Rühl auf dem journalistischen Onlineportal Riffreporter. Sie berichten, dass Studenten an der staatlichen Kenyatta-Universität in Nairobi ein eigenes Beatmungsgerät entwickelt haben. Und ein ähnliches Projekt läuft in Uganda. Dort arbeiten Forscher der Makerere Universität gemeinsam mit dem ugandischen Autobauer Kiira Motors ebenfalls an neuen Beatmungsgeräten.

Pharmaindustrie in Afrika: Mehr Eigenproduktion in der Krise

Darüber hinaus haben afrikanische Forscher und Unternehmen weitere Innovationen entwickelt. Das Institut Pasteur im Senegal arbeitet an einem günstigen und einfach zu handhabenden Corona-Test. Und das Start-up D-Wee aus Tunesien stellt medizinische Schutzausrüstung wie Gesichtsschutzschilder her, berichtet Sarah Mersch. Auch die Frage, wie die Pharmaindustrie in Afrika es schaffen kann, mehr Impfstoffe vor Ort zu produzieren, diskutieren afrikanische Experten nicht erst seit der Coronapandemie.

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Klar ist: Bis es eine schlagkräftige eigene Pharmaindustrie in Afrika gibt, dauert es noch. Bis dahin bleibt der Kontinent abhängig von Importen mit allen Problemen, die daraus resultieren. Ich persönlich finde es gut, zu sehen, dass die Afrikanische Union dagegen eine klare Strategie hat. Spannend bleibt, ob die neuen Forschungsinitiativen vor Ort nach der Coronapandemie weitergeführt werden. Die lokale Bevölkerung könnte davon auf jeden Fall doppelt profitieren: durch neue Jobs und eine langfristig bessere Gesundheitsversorgung.


Corona-Impfstoff aus Südafrika

Südafrika will als erstes Land in Afrika einen Corona-Impfstoff herstellen. Welche Unternehmen den Aufbau der Produktion vorantreiben und welche Hürden es dabei gibt, habe ich hier aufgeschrieben.


Mehr zum Thema lesen?

  • Wie afrikanische Forscher*innen neue Medizinprodukte entwickeln, lest ihr ausführlich beim Journalistenprojekt Riffreporter.
  • Das Online-Portal African Business beschreibt, wie die Politik die medizinische Forschung in Afrika ankurbeln kann. (englisch)
  • Im Magazin African Renewal wird diese Frage ebenfalls diskutiert. (englisch)
  • Mit welchen Hürden die Pharmaindustrie in Afrika noch zu kämpfen hat, erklären zwei afrikanische Experten in diesem Interview. (englisch)

1 Antwort zu “Pharmaindustrie in Afrika: Aufschwung in Trippelschritten”

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