Corona-Impfstoff aus Südafrika: Streben nach Unabhängigkeit

Corona-Impfstoff aus Südafrika

Südafrika will als erstes Land auf dem afrikanischen Kontinent einen Corona-Impfstoff herstellen. Unterstützung erhält es dabei von der Weltgesundheitsorganisation und der EU. Um die eigene Produktion langfristig profitabel zu machen, reicht das aber nicht. Dafür braucht es neue Strukturen.

“Corona-Inzidenz fällt in Deutschland auf 6,2”: Diese gute Nachricht prangte mir heute Morgen bei mehreren Online-Medien entgegen. 6,2 – das ist schon ein beeindruckend guter Wert, wenn man bedenkt, dass die Inzidenz vor wenigen Wochen noch bei weit über 100 lag. In den Parks, Cafés und Fußgängerzonen der Bundesrepublik kehrt dementsprechend langsam wieder das Leben zurück.

Anders ist das in afrikanischen Ländern. Nachdem die Zahlen in Afrika lange vergleichsweise niedrig waren, steigen sie nun schnell. Der Kontinent sehe sich mit einer dritten Welle der COVID-19-Pandemie konfrontiert, warnte in dieser Woche Matshidiso Moeti, der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Afrika. Und nicht nur das: “Mit rapide steigenden Fallzahlen und zunehmenden Berichten über schwere Erkrankungen droht die jüngste Welle die bisher schlimmste in Afrika zu werden”, sagt Moeti weiter. Die Behörden auf dem Kontinent haben zwischen Anfang Mai und Mitte Juni gut 470 000 neue Fälle registriert. Betroffen sind zwölf Länder, zum Beispiel Uganda und Sambia.

Corona-Impfstoff in Afrika geht zu Neige

Besonders bedenklich an dieser Entwicklung ist, dass gleichzeitig in vielen Ländern der Impfstoff knapp wird. Nach Angaben der WHO haben achtzehn afrikanische Länder ihre Vorräte inzwischen zu über 80 Prozent aufgebraucht, in acht Ländern gibt es gar keinen Reserven mehr. Gleichzeitig ist bisher nur gut ein Prozent der Bevölkerung auf dem Kontinent vollständig geimpft. Die Situation zeige, dass sich Länder mit niedrigem Einkommen nicht darauf verlassen könnten, dass impfstoffproduzierende Länder ihren Bedarf decken werden, betont Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation. Die WHO hat daher einen anderen Plan: Sie will gemeinsam mit der südafrikanischen Regierung die erste afrikanische Corona-Impfstoffproduktion aufbauen.

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Corona-Impfstoff aus Südafrika: Wer sind die Produzenten?

Übernommen werden soll die Impfstoffproduktion von zwei südafrikanischen Pharmaunternehmen gemeinsam mit einer Reihe von Forschungsinstituten. Eines der Unternehmen ist Biovac, das auf einer sogenannten Public Private Partnership zwischen der südafrikanischen Regierung und privaten Investoren beruht. Gegründet im Jahr 2003 produziert das Unternehmen schon jetzt Impfstoffe gegen verschiedene Kinderkrankheiten und gegen Pneumokokken. Das sind Bakterien, die zum Beispiel Lungen- oder Gehirnhautentzündungen auslösen können. Biovac entwickelt solche Impfstoffe allerdings nicht selbst, sondern kauft Lizenzrechte von Herstellern wie Sanofi oder Pfizer und produziert deren Produkte nach. Eigenen Angaben zufolge beschäftigt das Unternehmen inzwischen über 350 Mitarbeiter und liefert pro Jahr über 15 Millionen Impfstoffdosen in Südafrika und den Nachbarländern aus.

Das zweite Unternehmen, das bei der Produktion des Corona-Impfstoffs in Südafrika mitmischt, ist Afrigen Biologics aus Kapstadt. Das Biotechnologieunternehmen wurde im Jahr 2014 von Steven G. Reed und Erik Iverson gegründet, die vorher am Infectious Diseases Research Institute in Seattle, USA, gearbeitet haben. Der Fokus von Afrigen Biologics liegt auf dem Fokus von sogenannten Adjuvanzien. Das sind Hilfsstoffe, die in Impfstoffen eingesetzt werden und die antigene Wirkung der Vakzine verstärken sollen. Die Rollenverteilung bei der geplanten Corona-Impfstoffproduktion sieht also so aus, dass Afrigen eher als Entwickler und Biovac eher als Hersteller des Impfstoffs zum Einsatz kommen soll.

Wie soll der Corona-Impfstoff in Südafrika produziert werden?

Geplant ist, dass Biovac und Afrigen Biologics die Lizenzrechte für vorhandene mRNA-Impfstoffe erwerben und diese nachproduzieren. Wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt, sollen dafür zunächst Wissenschaftler von Afrigen Biologics zu “ausgewählten Partnern” in die USA und nach Europa fliegen, um dort Schulungen zu absolvieren. Danach sollen die Wissenschaftler ihr Wissen in Südafrika weitergeben, zum Beispiel an den lokalen Produktionspartner Biovac.

Afrigen Biologics erwartet laut Reuters, dass bis Mitte Juli klar ist, mit welchen internationalen Partnern das südafrikanische Bündnis zusammenarbeiten kann. Der schnellste Weg sei es, mit jenen Herstellern zu kooperieren, die für ihre Impfstoffe bereits eine Zulassung haben, also mit Biontech und Moderna, sagt Afrigen-Geschäftsführerin Petro Terblanche. Aber auch andere Partnerschaften seien denkbar. Zur Vorbereitung will Afrigen Biologics bis Februar 2022 eine neue Produktionsstätte aufbauen. Dort könnten dann täglich bis zu 10.000 Impfstoffdosen hergestellt werden, sagt Terblanche. Das Partnerunternehmen Biovac könne zusätzlich 30 bis 50 Millionen Dosen pro Jahr produzieren.

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In diesem Video der Nachrichtenagentur Reuters bekommt ihr einen Einblick ins Labor von Afrigen Biologics.

Corona-Impfstoff aus Südafrika: Warum ausgerechnet dort?

Die afrikanischen Staaten versuchen schon länger, eine eigene Pharmaindustrie in Afrika aufzubauen. Vor allem die Afrikanische Union setzt sich für dieses Ziel ein. Bisher ist es nämlich so, dass 99 Prozent aller Impfstoffe auf dem Kontinent importiert werden. Das macht die Länder abhängig davon, welche Medikamente Pharmaunternehmen im Ausland entwickeln und ob genug Impfstoffe weltweit zur Verfügung stehen. Die Vorgabe des African Centre for Disease Control and Prevention der Afrikanischen Union lautet daher, dass bis zum Jahr 2040 der Importanteil auf nur noch 40 Prozent sinken soll.


Pharmaindustrie in Afrika

Schon länger versuchen afrikanische Länder, von internationalen Pharmakonzernen unabhängiger zu werden. Wie der Aufbau einer eigenen Pharmaindustrie in Afrika gelingen soll, habe ich hier aufgeschrieben.


Seit Ausbruch der Coronapandemie ist das Bedürfnis nach einer eigenen Impfstoffproduktion auf dem Kontinent noch akuter geworden. Südafrika ist für die WHO ein passendes Partnerland, weil die Pharmaindustrie dort im afrikanischen Vergleich schon relativ weit entwickelt ist. Das liegt unter anderem daran, dass das Durchschnittseinkommen im Land relativ hoch ist. Die Menschen können also mehr Geld für Medikamente ausgeben. Insgesamt gibt es in ganz Afrika bisher nur zehn Unternehmen, die überhaupt Impfstoffe produzieren können. Das sagt William Ampofo, der Vorstand der African Vaccine Manufacturing Initiative. Neben Südafrika sitzen diese Unternehmen in Ägypten, Marokko, Senegal und Tunesien.

Corona-Impfstoff aus Südafrika: Welche Hürden bleiben?

Die WHO rechnet damit, dass Südafrika in circa einem Jahr die ersten Impfstoffdosen ausliefert. Marktbeobachter halten das aber Medienberichten zufolge für zu optimistisch. Denn die Herausforderungen sind groß. So erfordert die Impfstoffproduktion gut ausgebildetes Personal und komplexe Produktionsanlagen. Außerdem braucht es viel Geld, um eine solche Produktion aufzubauen. Die EU will die südafrikanischen Pläne mit rund einer Milliarde Euro unterstützen. Dafür gibt es einen guten Grund. Die EU steht derzeit nämlich selbst unter Druck, weil die USA und andere Staaten fordern, dass Impfstoffhersteller wie Biontech ihre Patente freigeben. Das soll die globale Impfstoffproduktion beschleunigen. Die EU will die Patentfreigabe verhindern – und setzt sich stattdessen für ein Lizenzmodell ein, wie es nun in Südafrika geplant ist.

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Das Geld aus der EU hilft den Unternehmen Biovac und Afrigen Biologics kurzfristig, mit der Impfstoffproduktion loszulegen. Damit die Produktion langfristig Gewinn abwirft, ist es aus Sicht von William Ampofo von der African Vaccine Manufacturing Initiative aber auch wichtig, dass sich die Marktstrukturen ändern. Der Experte weist darauf hin, dass viele afrikanische Regierungen bisher kein Interesse daran haben, Impfstoff von lokalen afrikanischen Herstellern einzukaufen. Sie beziehen ihren Impfstoff nämlich zu großen Teilen von Unicef sowie der internationalen Impfstoffallianz Gavi. Sprich: Damit afrikanische Hersteller Kunden finden können, müssen sich die Strukturen bei der globalen Impfstoffverteilung ändern – und das ist sicherlich ein weiter Weg.

Corona-Impfstoff aus Südafrika: Der Ausblick

Trotz aller Herausforderungen ist es für Südafrika und den afrikanischen Kontinent aber eine gute Nachricht, wenn dort künftig mehr Impfstoffe vor Ort produziert werden. Die Corona-Pandemie könnte dadurch schneller besiegt werden. Und die Krise hätte zumindest den positiven Effekt, dass die afrikanische Pharmaindustrie gestärkt würde. Das gilt insbesondere, da die WHO bei ihren Plänen nicht nur Südafrika im Blick hat. Wie die Organisation schreibt, sollen künftig weitere “Technologie-Transfer-Hubs” in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern folgen. Geeignete Kandidaten könnten zum Beispiel Marokko oder Tunesien sein.


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