Legal Tech in Afrika: Per App zum Rechtsstaat

Legal Tech in Afrika

Viele Menschen auf dem afrikanischen Kontinent haben derzeit keinen Zugang zum Rechtswesen. Eine Reihe von Start-ups will das mithilfe von Technologie ändern: Sie bringen den Rechtsstaat aufs Smartphone.

In Deutschland kommen wir so gut wie jeden Tag mit Recht in Berührung – auch wenn wir das oft gar nicht merken. Zum Beispiel, wenn wir ein Kleidungsstück umtauschen oder uns wegen eines Zugausfalls den Ticketpreis erstatten lassen. Kommt es zu einem größeren Streit, können wir uns Hilfe von einem Anwalt holen. Für viele ist das selbstverständlich.

In anderen Teilen der Welt ist das nicht so. In afrikanischen Ländern zum Beispiel sind bisher viele vom Rechtswesen ausgeschlossen. Das hat das panafrikanische Meinungsforschungsinstitut Afrobarometer im Jahr 2017 in einer ausführlichen Studie gezeigt. Demnach haben gerade ärmere und weniger gebildete Einwohner bisher nur wenig Zugang. “Hohe Kosten, Korruption, die Komplexität der Prozesse, der Mangel an Rechtsbeistand und Bedenken über die Fairness der Gerichte”, nennt der Bericht als Hürden.

Legal Tech in Afrika: Zugang zu Information muss besser werden

Ein Experte, der sich mit dem Rechtswesen in Afrika auskennt, ist der Berliner Rechtsanwalt Cord Brügmann. Er berät mit seiner Kanzlei Verbände, NGOs und Regierungen und hilft unter anderem, eine unabhängige Anwaltschaft in Äthiopien aufzubauen. Im Talking Legal Tech-Podcast hat er vor Kurzem erzählt, dass es in ganz Äthiopien nur circa 4000 Anwälte gibt. Dabei leben dort rund 110 Millionen Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland sind nach Angaben der Bundesrechtsanwaltskammer gut 165 000 Anwälte zugelassen.

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Dazu kommt, dass viele Menschen in Äthiopien gar nicht genau wissen, welche Rechte sie eigentlich haben, erzählt Cord Brügmann im Interview mit dem Anwaltszukunftskongress. Und dass wichtige juristische Dokumente nur schwer zugänglich sind – sogar für Gerichte und Anwälte. “Bis heute ist es schwierig, Gesetzestexte und Urteile der obersten Gerichte zu bekommen, um auf Basis des geltenden Rechts gut zu beraten oder zu entscheiden”, sagt er. Und das gelte nicht nur für Äthiopien, sondern auch für viele andere Länder auf dem Kontinent.

Legal Tech in Afrika: Technologie als Lösung

Viele Organisationen versuchen daher, den Zugang zum Rechtswesen in Afrika zu verbessern. Das African Centre of Excellence for Access to Justice zum Beispiel setzt sich dafür ein, dass rechtliche Institutionen vor Ort gestärkt werden. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Start-ups, die an neuen Lösungen für das Justizwesen arbeitet – und zwar mithilfe von Technologie. Legal Tech oder auch Law Tech nennt sich dieser Trend im Branchen-Fachjargon. Die Idee ist, dass rechtliche Angebote mithilfe von Software einfacher und kostengünstiger zugänglich werden.

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Diese Grafik des Marktforschungsunternehmens Baobab Insights zeigt, in welchen Ländern Legal-Tech-Start-ups in Afrika aktiv sind.

Solche Unternehmen, die das Rechtssystem digitaler machen wollen, gibt es auch in Deutschland. Vielleicht kennt ihr die Berliner Firma Flightright? Dort kann man online sein Flugticket einreichen, wenn ein Flug Verspätung hat. Eine Software prüft dann automatisiert, ob einem eine Entschädigung zusteht. Flightright ist eines der bekanntesten deutschen Legal-Tech-Beispiele. Andere Unternehmen scannen zum Beispiel automatisiert Mietverträge. Ich habe mich im Jahr 2016 erstmals mit dem Thema befasst und einen Artikel für DIE ZEIT geschrieben.

Legal Tech in Afrika: An Ideen mangelt es nicht

Legal Tech in Afrika setzt dagegen oft etwas niedrigschwelliger an. Das Hauptanliegen vieler Start-ups aus der Branche ist, Menschen überhaupt erst einmal besser über ihre Rechte aufzuklären. Das Start-up Luma Law aus Südafrika bietet dafür eine Rechtsberatung per KI-Chatbot an. Nutzer können einen Wochen- oder Monatspass kaufen und sich dann vom Bot eine erste juristische Einschätzung abholen. Leider geht aus der Homepage des Start-ups nicht hervor, auf welche Rechtsbereiche sich die Beratung bezieht. Das Unternehmen Viamo bietet einen ähnlichen Service per Voicebot für die Opfer von sexueller Gewalt in Ruanda an. Und das Start-up Road Rules aus Zimbabwe klärt per App über Verkehrsrechte auf.

Diese Grafik des Portals Weetracker gibt einen Überblick darüber, in welchen Bereichen afrikanische Legal-Tech-Unternehmen aktiv sind.

Andere Start-ups haben dagegen weniger die Rechtsberatung selbst im Blick, sondern wirken als Vermittler. Das Unternehmen Wakili Mkononi aus Kenia will über eine Internetplattform Leute mit juristischen Fragen und Rechtsanwälte zusammenbringen. Das Start-up Lawbasket aus Zimbabwe stellt Kleinunternehmern Videotutorials zu Rechtsfragen zu Verfügung und verspricht ihnen ebenfalls die kostengünstige Vermittlung zu Anwälten. Und BenBen aus Ghana nutzt Blockchain-Technologie, um Landrechte besser zu dokumentieren und Streitigkeiten beizulegen.

Viele Start-ups kämpfen mit der Finanzierung

Am stärksten verbreitet sind Legal-Tech-Lösungen bisher in Südafrika, Kenia, Nigeria und Uganda. Das zeigt eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Baobab Insights. In diesen Ländern gibt es inzwischen auch eine ganze Reihe von Meet-ups und Konferenzen, die sich mit Legal Tech in Afrika befassen. Dazu kommen panafrikanische Veranstaltungen wie die viertägige Africa Legal Innovation Week. Dadurch bekommen die Start-ups langsam auch international mehr Aufmerksamkeit.

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Eine Herausforderung für die Unternehmen ist bisher die Suche nach Investoren. Das schreibt das Portal Disrupt Africa und auch bei der jüngsten Africa Law Tech Konferenz wurde über diesen Aspekt diskutiert. Ich persönlich hoffe, dass sich das in Zukunft ändern wird. Viele der Start-ups haben nämlich meiner Meinung nach Unterstützung verdient. Den größten gesellschaftlichen Einfluss haben dabei oft Lösungen, die technisch sehr einfach zugänglich sind und schon auf einem normalen Handy laufen. Manche ärmere Menschen haben nämlich kein Smartphone. Gerade sie sind es aber, die Informationen über ihre Rechte oft am nötigsten haben.

Mehr lesen?

  • Das Portal Weetracker bietet eine aktuelle Übersicht über Legal-Tech-Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent.
  • Der Rechtsanwalt Cord Brügmann spricht im Interview mit dem Anwaltszukunftskongress über Legal Tech in Afrika.
  • Der afrikanische Technologieexperte Chukwuemeka Fred Agbata beschreibt in einem Gastbeitrag, wie Legal Tech in Afrika die Rechtsprechung vor Ort verändert.
  • Bei Face2FaceAfrica lest ihr ein Porträt über das Legal-Tech-Startup Lawbasket aus Zimbabwe.

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