Versicherungsmarkt in Afrika: Was deutsche Konzerne dort lernen können

Der Versicherungsmarkt in Afrika ist im internationalen Vergleich klein, dafür aber sehr innovativ. Vor allem aus Südafrika kommen neue Geschäftsmodelle, die weltweit exportiert werden. Deutsche Unternehmen können davon lernen.

Zugegeben, auf den ersten Blich sind Versicherungen nicht gerade das heißeste Thema der Welt. Meist geht es um viele Zahlen, komplizierte Verträge und sehr viel Kleingedrucktes. Das dröge Image der Branche verdeckt allerdings den Blick auf das Wesentliche: Versicherungen sind ein globaler Milliardenmarkt und haben darüber hinaus auch große soziale Relevanz. Sie machen vielen Menschen das Leben einfacher.

Auf dem afrikanischen Kontinent haben die meisten bisher noch keine Versicherungen. Das zeigen Zahlen des Rückversicherers Swiss Re. Das Branchennetzwerk Versicherungsforen Leipzig schreibt, dass der Anteil Afrikas am weltweiten Versicherungsmarkt nur gut ein Prozent beträgt. Dennoch halten Branchenkenner den Markt für spannend. Die Unternehmensberatung McKinsey ging vor der Coronakrise davon aus, dass der Versicherungsmarkt in Afrika bis zum Jahr 2025 dreimal so schnell wächst wie in Europa. Die Krise hat diesem Trend einen Dämpfer verpasst. Dennoch glauben zumindest die McKinsey-Experten noch immer: “Der Versicherungsmarkt in Afrika steht kurz vor dem Durchbruch.”

Versicherungsmarkt Afrika
Das Branchennetzwerk Versicherungsforen Leipzig hat eine spannende Übersicht zum Versicherungsmarkt in Afrika erstellt. Hier geht es zum kompletten Artikel.

Versicherungsmarkt in Afrika: Große regionale Unterschiede

Dabei gilt es zu beachten, dass es zwischen den einzelnen Ländern auf dem Kontinent große Unterschiede gibt. Die Versicherungswirtschaft in Südafrika zum Beispiel gilt mit Abstand als am weitesten entwickelt. Dort beliefen sich die Prämieneinnahmen in 2018 immerhin auf gut 40 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Deutsche Bundesbürger gaben im gleichen Jahr rund 200 Milliarden Euro für Versicherungen aus. Die Länder Marokko, Kenia, Ägypten und Nigeria gelten in der Branche ebenfalls als vielversprechend. In anderen afrikanischen Ländern gibt es dagegen bisher nur wenig Kundschaft für Versicherungen.

Die Einschätzung, dass der Versicherungsmarkt in Afrika kurz vor dem Durchbruch steht, mag daher sehr optimistisch sein. Was afrikanische Märkte allerdings sicherlich auszeichnet, ist ihre große Offenheit für Innovationen. Das berichten Achim Klennert, Chef der Hannover Re Group Africa, und Mathias Bock von den Versicherungsforen Leipzig in diesem Podcast zum Thema. Ich fand den Podcast sehr kurzweilig und lehrreich und kann das Reinhören nur empfehlen. Wie die beiden Experten im Gespräch betonen, zeichnet sich der Versicherungsmarkt in Afrika unter anderem durch die große Bedeutung von mobilen Lösungen aus. Viele Versicherungen werden dort direkt übers Handy oder Smartphone abgeschlossen und sogar über die Mobilfunkrechnung bezahlt.

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Versicherungsmarkt in Afrika: Südafrika als Vorreiter

Darüber hinaus sind vor allem südafrikanische Unternehmen offenbar sehr kreativ, wenn es darum geht, neue Versicherungsmodelle zu entwickeln. Im Podcast wurde zum Beispiel die Firma Pineapple vorgestellt. Bei dem südafrikanischen Unternehmen können Kunden ihre Besitztümer ganz einfach per Foto versichern lassen. Man fotografiert also zum Beispiel sein Smartphone oder seinen Laptop, schickt das Foto per App an den Versicherer und bekommt durch eine KI-Analyse automatisch angezeigt, wie viel eine Versicherung für den entsprechenden Gegenstand kosten würde. Auch den passenden Vertrag können Kunden direkt in der App abschließen.

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Ich finde dieses Prinzip sehr praktisch. Für Leute wie mich, die schon Verträge mit mehr als zehn Zeilen als Zumutung empfinden, ist das eine echte Hilfe. Andere gute Ideen aus Südafrika haben sich daher auch schon in alle Welt verbreitet, wie Achim Klennert und Mathias Bock im Podcast berichten. Zum Beispiel wurden dort in der Vergangenheit viele sogenannte Mikroversicherungen entwickelt, für Menschen mit sehr niedrigem Einkommen. Genauso wie Versicherungen, die Leute motivieren sollen, gesünder zu leben – etwa durch Prämien-Rabatte. Solche Versicherungsmodelle findet man laut den Experten inzwischen weltweit.

Auch deutsche Konzerne sind aktiv

Kein Wunder also, dass inzwischen auch viele Versicherungskonzerne aus Deutschland sich auf den afrikanischen Kontinent vortasten. Der Rückversicherer Hannover Rück betreibt schon seit vielen Jahren eine Niederlassung in Johannesburg und ist von dort aus auch in anderen afrikanischen Ländern aktiv. Zudem entwickelt der Konzern über ein Tochterunternehmen namens Compass Insure in Südafrika neue Versicherungsmodelle für Verbraucher und Unternehmen. Dazu gründet Compass Insure eigene Start-ups oder beteiligt sich an südafrikanischen Versicherungsunternehmen, wie zum Beispiel dem Vorzeige-Start-up Pineapple.

Ebenfalls stark engagiert auf dem Kontinent ist der Münchener Allianz-Konzern. Bei einer Rede im südafrikanischen Sun City in 2017 betonte Konzern-Chef Oliver Bäte, dass Afrika bei digitalen Versicherungslösungen Vorreiter sei. “Wir glauben fest an das langfristige Wachstumspotenzial in Afrika und werden unsere globale Präsenz […] nutzen, um unsere Marktposition zu stärken und afrikanische Talente anzuziehen”, sagte er. Dieser Ankündigung hat der Konzern Taten folgen lassen. Im Jahr 2018 beteiligte sich die Allianz am führenden afrikanischen Rückversicherer Africa Re. Später folgte eine strategische Partnerschaft mit dem kenianischen Versicherer Jubilee Holdings.

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Allianz-Chef Oliver Bäte spricht im Sender CNBC über das Engagement des Konzerns in Afrika.

Versicherungsmarkt in Afrika: Mehr Lernfabrik als Spielwiese

Sehr interessant fand ich einen Gedanken, den die Branchenexperten Achim Klennert und Mathias Bock in ihrem Podcast diskutiert haben. Sie betonen, dass der Versicherungsmarkt in Afrika schon relativ stark von einheimischen Unternehmen umkämpft sei. Deutsche Konzerne haben also mitnichten freies Spiel, wenn sie versuchen, vor Ort Fuß zu fassen. Aber – und das ist wohl der große Vorteil eines Engagements – sie können von den Unternehmen in Afrika viel lernen. Zum Beispiel, was neue digitale Geschäftsmodelle angeht.

Mir persönlich hat diese Recherche einmal mehr gezeigt, dass man die Innovationskraft in Schwellen- und Entwicklungsländern auf keinen Fall unterschätzen sollte. Gute neue Ideen wie eine Foto-App für Versicherer entstehen eben nicht nur im Silicon Valley oder in China, sondern überall auf der Welt. Spannend bleibt abzuwarten, wie schnell sich die afrikanischen Versicherungsmärkte von der Coronakrise erholen können. Ich hoffe, dass sich künftig mehr Menschen vor Ort eine Versicherung leisten können und die Innovationen im Markt alle Bereiche betreffen – und nicht nur “Luxus-Versicherungen”.

Mehr lesen?

  • Die Unternehmensberatung McKinsey hat Ende 2020 eine neue Analyse zum Versicherungsmarkt in Afrika veröffentlicht.
  • Einen sehr guten Marktüberblick bietet dieser Blogbeitrag der Versicherungsforen Leipzig.
  • Warum es für internationale Versicherungsunternehmen noch schwierig ist, in Afrika Geld zu verdienen, berichtet das Handelsblatt.
  • Einen detaillierten Blick auf die Chancen und Hürden des Versicherungsmarktes in Afrika gibt auch dieses Interview mit dem pan-afrikanischen Versicherungsmakler OLEA.

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