Naspers aus Südafrika: der wertvollste Konzern auf dem Kontinent

Naspers aus Südafrika

Der Internet- und Medienkonzern Naspers gilt als wertvollstes Unternehmen Afrikas. Groß geworden ist es vor allem durch ein glückliches Investment vor 20 Jahren. Gleichzeitig blickt der Konzern auf eine fragwürdige Historie zurück: Naspers spielte eine schlimme Rolle in der Zeit der Apartheid.

Mal ehrlich: Wem von euch sagt der Name Naspers etwas? Mir war er bis vor Kurzem kaum bekannt. Gehört hatte ich den Namen zwar schon. Aber dass sich dahinter das wertvollste Unternehmen Afrikas verbirgt: Das wusste ich nicht. Aufmerksam geworden bin ich darauf erst, als ich kürzlich mit einem Freund Kaffee trinken war. Mein Bekannter arbeitet ebenfalls als Wirtschaftsjournalist. Wir kamen auf meinen Blog zu sprechen und ich fragte ihn, welche Themen er gerne lesen würde. Ihn interessierte, warum der Online-Händler Jumia in der Krise steckt. Das habe ich schon aufgeschrieben. Sein zweiter Tipp: ein Blick auf Naspers.

Der Aufstieg des Medien- und Internetkonzerns aus Südafrika gilt als enorme Erfolgsgeschichte. Insgesamt besitzt Naspers weltweit über 60 Zeitungen und Magazine. Dazu kommen Online-Portale und ein eigener Pay-TV-Sender. Außerdem ist das Unternehmen als Technologie-Investor tätig. Das heißt: Es kauft sich Anteile an anderen Unternehmen und hofft, dass diese möglichst erfolgreich werden. Dadurch wächst Naspers dann quasi mit und kann die Anteile irgendwann gewinnbringend verkaufen. Nach außen gibt sich der Mediengigant dabei modern und weltoffen. Dahinter verbirgt sich allerdings eine dunkle Vergangenheit. Jahrzehntelang galt Naspers nämlich als Sprachrohr des Apartheid-Regimes. Groß geworden ist das Unternehmen also einst mit Plädoyers für Rassentrennung.

Naspers aus Südafrika: eine unrühmliche Historie

Die Geschichte des Konzerns lässt sich daher auf zwei Arten erzählen. Auf der einen Seite steht Naspers für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. Das Unternehmen hat geradezu vorbildlich gezeigt, wie es gelingen kann, sich von einem Zeitungskonzern zum Tech-Investor zu mausern, also den digitalen Wandel mitzugestalten. Auf der anderen Seite ist Naspers aber auch ein Paradebeispiel für ein Unternehmen, dass ein fragwürdiges politisches System mit gestützt hat – ohne dafür je Verantwortung zu übernehmen. Erst im Jahr 2015 hat sich Naspers überhaupt dazu durchringen können, sich für seine Berichterstattung während der Apartheid zu entschuldigen. Und mancher Beobachter wertete auch das als „leere Worte“.

1915
Naspers startete vor mehr als 100 Jahren als kleiner Zeitungsverlag in Stellenbosch. (Foto: Naspers)

Die Geschichte des Konzern reicht zurück bis ins Jahr 1915. Damals gründete der General Barry Hertzog den Verlag „De Nasionale Pers“, dessen Anliegen es war, die Interessen der Buren – also der europäischstämmigen weißen Minderheit in Südafrika – publik zu machen. Wie das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik IfM berichtet, startete der Verlag zunächst mit einer einzigen Zeitung namens „De Burger“. Diese wurde schnell zum „Sprachrohr“ der nationalistischen Nationalen Partei (NP), die Hertzog kurz zuvor ebenfalls gegründet hatte. Ihr Ziel war es, die Rechte der schwarzen Bevölkerung einzuschränken. Im Jahr 1948 gelangte die Partei an die Macht und führte ein striktes System der Rassentrennung ein.

Naspers globaler Aufstieg: das Werk von Koos Bekker

Der Aufstieg von „Da Nasionale Pers“, heute kurz: Naspers, verlief analog dazu. Der junge Verlag erweiterte sein Geschäft bald aufs Drucken und Verlegen von Magazinen und Büchern, darunter auch Lehrbücher. Nach und nach kamen auch weitere Zeitungen dazu. Die Redakteure der zum Teil führenden Tageszeitungen verteidigten das Apartheid-System der Nationalen Partei in ihren Texten bis spät in die 80er-Jahre. Wie eng die Verbindungen zwischen Medienkonzern und Partei waren, hat kürzlich die Süddeutsche Zeitung beschrieben. Dort heißt es: „Leitende Redakteure wechselten in die Regierung und umgekehrt. Naspers spendete großzügig, die National Party besaß umgekehrt mehrere Tausend Aktien.“

1997
Der ehemalige Naspers-Chef Koos Bekker machte das Unternehmen zum Weltkonzern. Er bezog kein festes Gehalt, sondern hielt nur Firmenanteile. (Foto: Naspers)

Mitte der 80er-Jahre begann der Konzern dann sein Geschäft deutlich zu erweitern. Verantwortlich dafür war Koos Bekker, der später auch zum Chef von Naspers aufstieg. Bekker baute für Naspers einen erfolgreichen Pay-TV-Sender auf und gründete schon Ende der 90er-Jahre die ersten Online-Nachrichtenportale wie News24.com. Darüber hinaus machte er den Konzern zum Technologie-Investor – und das überaus erfolgreich. Im Jahr 2001 beteiligte es sich am chinesischen Unternehmen Tencent, das die Messenger-App Wechat betreibt und inzwischen ungefähr so wertvoll ist wie Facebook.

Naspers und Tencent: ein absoluter Traumdeal

Wie es zu dem Deal kam, hat kürzlich Wolfgang Hirn aufgeschrieben, Wirtschaftsjournalist und Gründer des Newsletters Chinahirn.de. Demnach erkannten Bekker und seine Kollegen China früh als vielversprechenden Wachstumsmarkt. Sie steckten viel Geld in junge Firmen vor Ort, allerdings ohne Erfolg. Als ihnen nur noch 30 Millionen Dollar aus ihrem Budget blieben, erwarben sie damit gut 46 Prozent an Tencent – und landeten damit einen absoluten Traumdeal. Die Tencent-Anteile von Naspers sind inzwischen über 100 Milliarden Dollar wert. Und das, obwohl der Konzern auch schon einige wieder verkauft hat. Genau dadurch ist Naspers auch so wertvoll geworden. Auf der anderen Seite macht das Naspers aber auch enorm abhängig.

Seine Beteiligungen an Tencent und anderen Internetunternehmen, zum Beispiel Delivery Hero aus Berlin, hat Naspers inzwischen in einem Tochterunternehmen namens Prosus gebündelt und im vergangenen Jahr in Amsterdam sehr erfolgreich an die Börse gebracht. Momentan leiden die Aktien von Prosus allerdings darunter, dass US-Präsident Donald Trump der Messenger-App WeChat Sanktionen androht. Ein drittes Standbein neben dem Mediengeschäft und Prosus ist für Naspers der E-Commerce. Der Konzern hat 2015 die führende südafrikanische E-Commerce-Plattform Takealot aufgekauft. Darüber habe ich auf meinem Blog bereits berichtet.

Warum der Online-Handel in Afrika immer wichtiger wird und welche Hürden es dabei gibt, lest ihr hier.

Naspers hält sich bei seiner Geschichte bedeckt

Unternehmerisch betrachtet ist die Entwicklung von Naspers also auf jeden Fall ein enormer Erfolg. Aus einem einfachen Zeitungsverlag einen Konzern zu formen, der im internationalen Plattformgeschäft mit China und den USA mithalten kann, das ist schon beachtlich. Doch wie steht es um die Firmenkultur des Unternehmens? Hat sich der Konzern inzwischen endgültig von seiner nationalistischen Vergangenheit verabschiedet?

Wie das Online-Portal Quartz berichtet, hat sich Naspers im Jahr 1996 geweigert, über seine Zusammenarbeit mit der Apartheid-Regierung aufzuklären. Damals bot die sogenannte südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission die Chance dazu. Stattdessen äußerten sich damals lediglich 127 Journalisten, die für das Unternehmen gearbeitet hatten, jeweils individuell zu ihrer Rolle in der Berichterstattung. Sie schrieben, Naspers Zeitungen hätten dazu beigetragen, das Apartheid Regime zu erhalten, indem die Nationale Partei zum Beispiel bei Wahlen unterstützt wurde.

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Die Folgen der Apartheid prägen Südafrika bis heute, wie diese Arte-Dokumentation zeigt.

Erst 2015 entschuldigte sich Naspers offiziell bei den Betroffenen. „Wir erkennen unsere Mittäterschaft an einem moralisch unvertretbaren politischen Regime an“, sagte eine Managerin des Unternehmens beim 100-jährigen Jubiläum des Unternehmens. Allerdings: Details dazu, wie genau Naspers das Regime denn nun unterstützt hat, verriet sie damals immer noch nicht. Und auf der Internetseite des Unternehmens lässt sich zur Historie bis auf wenige Fakten ebenfalls nichts nachlesen. Aufschlussreicher ist da schon eine Studie von Media Monitoring Africa. Die NGO hat über 1.800 Zeitungsartikel aus der Zeit der Apartheid analysiert und festgestellt, dass schwarze Südafrikaner darin immer wieder als minderwertig und gewalttätig dargestellt wurden.

Naspers neues Selbstverständnis als globales Tech-Unternehmen

Immerhin bemüht sich der Konzern inzwischen um Toleranz und Offenheit. So äußerte sich Bob van Dijk, der amtierende Chef des Unternehmens, unter anderem zur Black Lives Matter-Bewegung. „Es gibt keinen Platz für Rassismus in dieser Welt, und wenn wir das ändern wollen, müssen wir zusammenstehen, um ihn zu verbannen“, schrieb er. „Angesichts der unentschuldbaren Rolle, die Naspers in Südafrikas Apartheid-Vergangenheit gespielt hat, haben wir eine zusätzliche Verantwortung, alles zu tun, was wir können, um zur Schaffung einer gerechten und ausgewogenen Gesellschaft beizutragen.“

2014
Bob van Dijk, der amtierende Chef von Naspers (Foto: Unternehmen)

Ein Meilenstein für das Unternehmen war, dass 2019 die erste schwarze Managerin in die oberste Führungsriege geholt wurde. Phuthi Mahanyele-Dabengwa verantwortet seitdem die Geschäfte des Konzerns in Südafrika. Der neue Hang nach Diversität und Multikulti bei Napster geht sogar so weit, dass das Unternehmen eigentlich kaum noch ein südafrikanisches ist. Sondern ein internationales. Der derzeitige Konzernchef van Dijk ist ehemaliger Ebay-Manager und Niederländer und er hat eine ganze Reihe von ehemaligen Ebay-Kollegen mit ins Unternehmen geholt. Manche sehen das kritisch: Sie haben das Gefühl, dass Südafrika dadurch nach und nach eines seiner Aushängeschilder verloren geht.

Mehr lesen?

  • Die Süddeutsche Zeitung hat Naspers kürzlich ebenfalls in einem Firmenporträt vorgestellt.
  • Sehr lesenswert ist der Bericht zum Thema von Wolfgang Hirn im Manager Magazin – allerdings nur für Abonnenten zugänglich.
  • Interessant fand ich auch die Einschätzungen des Investors Florian Heinemann zur Naspers-Tochter Prosus im t3n-Magazin.
  • Das Portal Quartz stellt die erste schwarze Managerin bei Naspers vor.
  • Eine ausführliche Übersicht über die Historie und das Geschäftsmodell von Naspers gibt es beim Institut für Medien- und Kommunikationspolitik IfM.

Mehr lesen über Südafrika? Hier geht’s zum Länderlexikon.

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