Ethiopian Airlines trotzt der Corona-Krise – mit diesen drei Maßnahmen

Ethiopian Airlines ist die größte Fluggesellschaft in Afrika. Im Vergleich zu vielen Konkurrenten hat das Unternehmen die Corona-Krise einigermaßen gut gemeistert – ganz ohne staatliche Zuschüsse. Dahinter steckt eine besondere Strategie.

An den Tag, als ich zum ersten Mal äthiopischen Boden betrat, kann ich mich noch gut erinnern. Es war Anfang Januar 2020. Wir landeten spätabends am Flughafen in Addis Abeba, einem recht modernen Gebäude mit großen Fenstern und hohen Decken. Wir hatten viel Zeit, den Bau auf uns wirken zu lassen. Die Menschenschlange am Einreiseschalter war nämlich sehr lang und träge wie ein vollgefressenes Nilkrokodil. Danach versuchten wir, für die Fahrt zu unserer Pension ein Taxi zu einem halbwegs vernünftigen Preis zu finden. Voller Elan starteten wir die Verhandlungen – mit mittelmäßigem Erfolg. Viel wichtiger aber war, dass unser Backpacking-Urlaub in Äthiopien endlich begonnen hatte.

Heute, rund sechs Monate später, ist mir mehr denn je bewusst, was für ein Glück und Privileg es war, diese Reise antreten zu können. Monatelang war der internationale Flugverkehr wegen der Corona-Pandemie lahmgelegt – eine historische Zäsur. Fluggesellschaften weltweit sind in die roten Zahlen gestürzt. Die deutsche Lufthansa bekommt Staatshilfen, die französisch-niederländische Airfrance-KLM ebenfalls und viele afrikanische Fluglinien kämpfen ums Überleben. Eine Fluggesellschaft aber scheint die Krise vergleichsweise gut wegzustecken, nämlich Ethiopian Airlines. Die gehört zu hundert Prozent dem äthiopischen Staat, ist aber derzeit nicht auf Zuschüsse zulasten der Steuerzahler angewiesen. Das Unternehmen werde im kürzlich abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/2020 nämlich trotz der Krise schwarze Zahlen schreiben, sagte der Vorstandsvorsitzende Tewolde GebreMariam der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ethiopian Airlines: ohne Staatshilfe durch die Corona-Krise

Spurlos vorübergegangen ist die Corona-Krise an Ethiopian Airlines nicht. Schließlich wurde auch dort der normale Flugbetrieb wochenlang ausgesetzt. Die Ticketverkäufe brachen ein. Anfang April 2020 meldete das Staatsunternehmen daher einen Einnahmeverlust von 550 Millionen Dollar, also gut 500 Millionen Euro. Und Firmenchef GebreMariam ging Ende Juni davon aus, dass sich diese Ausfälle bis Juli nahezu verdoppeln würden. Dennoch lautete im Gespräch mit Bloomberg sein Fazit: „Wir sind vielleicht nicht so profitabel, wie wir erwartet haben, aber wir haben einen gewissen Gewinn erzielt.“ Und das sogar ganz ohne staatliche finanzielle Hilfe. Wie ist dem Unternehmen das gelungen?

Start im Jahr 1945: So sah das erste Flugzeug des Unternehmens aus. (Foto: Ethiopian Airlines)

Zur Einordnung: Ethiopian Airlines galt schon vor der Corona-Krise als große Erfolgsgeschichte der afrikanischen Luftfahrt. Gegründet im Jahr 1945, ist das Unternehmen heute die größte Fluggesellschaft des Kontinents – und ein Aushängeschild für Äthiopien. Als „Lebensader des Landes“ bezeichnete die Zeitung „Die Welt“ das Unternehmen im Jahr 2018. Es galt als profitabel, schnell wachsend und recht sicher, zumindest im Vergleich zu anderen afrikanischen Fluglinien. Airlines aus Europa und Asien weisen in puncto Sicherheit oft noch bessere Werte auf, das zeigt das sogenannte Jacdec-Ranking. Mein Mann und ich sind damals mit einem deutschen Anbieter nach Addis Abeba geflogen. Das war aber keine bewusste Entscheidung.

Das Erfolgsgeheimnis: mehrere Standbeine

Dass Ethiopian Airlines trotz Krise im abgelaufenen Bilanzjahr schwarze Zahlen geschrieben hat, liegt vor allem daran, dass das Unternehmen schon vor der Krise auf mehrere Geschäftsbereiche gesetzt hat. Dadurch konnte es in den vergangenen Monaten schnell auf den Einbruch im Passagierverkehr reagieren und andere Geschäftsbereiche ausbauen. „Die Entscheidung, unser Geschäft so weit wie möglich zu diversifizieren, war richtig und ist in Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben, für unser Unternehmen lebensrettend geworden“, sagte Firmenchef GebreMariam kürzlich im Interview dem African Business Magazine. Mit diesen drei Bereichen hat das Staatsunternehmen in der Krise weiter Geld verdient:

1. Ethiopian Airlines setzt auf Waren statt Passagiere

Schon länger baut Ethiopian Airlines neben seinem Passagier- auch sein Frachtgeschäft aus. Unter anderem hat das Unternehmen dafür in Addis Abeba eines der modernsten Luftfracht-Terminals des Kontinents bauen lassen. Im Jahr 2017 wurde das neue Gebäude eingeweiht. Diese Investition kam der Fluggesellschaft nun in der Krise zu Gute, weil sie ihr Frachtgeschäft ohne Probleme aufstocken konnte. Normalerweise besteht die Frachtflotte von Ethiopian Airlines aus zwölf Maschinen. In der Krise habe das Unternehmen aber zudem 25 Passagierflugzeuge umfunktioniert, sagte Konzernchef GebreMariam dem African Business Magazin. Mit anderen Worten: Viele Pakete wurden kurzerhand auf Sitze geladen und festgeschnallt. Die Zahl der Landeziele im Frachtgeschäft hat das Unternehmen ebenfalls erhöht.

Premierminister Dr. Abiy Ahmed und Firmenchef Tewolde GebreMariam bei der Eröffnung eines weiteren neuen Terminals im Januar 2019. (Foto: Ethiopian Airlines)

Weil der Fluggesellschaft ein modernes Frachtterminal zur Verfügung steht, konnte sie in der Krise auch die Verteilung von sensiblen Ladungen wie Pharmaprodukten übernehmen. So gibt es zum Beispiel vor Ort die Möglichkeit, Waren gekühlt zu lagern und die Temperaturen der Ladung in Echtzeit zu überwachen. Gemeinsam mit der äthiopischen Regierung haben die Vereinten Nationen daher am Flughafen in Addis Abeba eine Art Drehkreuz errichtet, um Pharmaprodukte und menschliche Hilfskräfte über ganz Afrika zu verteilen. Auch die Hilfsgüter, die der chinesische Milliardär Jack Ma an den Kontinent gespendet hat, wurden zu großen Teilen von Ethiopian Airlines ausgeliefert.

2. Ethiopian Airlines verdient Geld mit Rückholaktionen

Ein weiteres Standbein von Ethiopian Airlines in der Krise waren Rückholaktionen von gestrandeten Reisenden. Denn das Unternehmen verfügt weltweit über ein gut ausgebautes Reisenetz. Gestartet ist Ethiopian Airlines einst mit einer einzigen Flugverbindung zwischen Addis Abeba und Kairo. Inzwischen fliegt die Fluggesellschaft eigenen Angaben zufolge weltweit in knapp 120 Länder. Darunter sind viele afrikanische Staaten, aber auch die USA, Kanada, China und Deutschland. Dieses Potential hat der Konzern nun genutzt, um nicht nur äthiopische Bürger nach Hause zu holen – sondern diesen Taxiservice auch anderen Staaten anzubieten.

In Afrika fliegt Ethiopian Airlines insgesamt über 60 Städte an. (Foto: Ethiopian Airlines)

Unter anderem hat Ethiopian Airlines zum Beispiel im Mai knapp 270 Nigerianerinnen und Nigerianer aus den USA zurückgeholt. Indische Fluggäste transportierte das Unternehmen ebenfalls nach Hause. Und auch der kanadischen Regierung sprang es zur Seite, weil der dortigen Fluggesellschaft Air Canada offenbar in vielen afrikanischen Ländern die Landerechte fehlen. Insgesamt habe Ethiopian Airlines über 1000 Kanadierinnen und Kanadier zurückgeholt, unter anderem aus Kenia, Malawi, Simbabwe und Tansania, meldete die Fluggesellschaft Mitte April.

3. Ethiopian Airlines Skylight Hotel: Quarantäne statt Luxusbuffet

Erst kürzlich ist das Unternehmen außerdem in eine ganz neue Branche eingestiegen: nämlich ins Hotelgeschäft. Im Januar 2019 hat Ethiopian Airlines ein Fünf-Sterne-Hotel in Addis Abeba eröffnet, ganz in der Nähe des Flughafens. Der Bau bietet ein futuristisches Design, einen Außenpool, mehrere Bars und zahlreiche Suiten – also alles, was Luxus-Liebhaber nicht missen wollen. 65 Millionen Dollar soll das Hotel gekostet haben. Ziel sei es, Addis Abeba damit zum Tor nach Afrika zu machen, sagte damals der Infrastruktur-Chef der Fluggesellschaft, Abraham Tesafaye. „Das Hotel wird eine bedeutende Rolle spielen, um den Tourismussektor anzukurbeln und Addis Abeba zu einem Konferenzzentrum zu machen.“

Facebook

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Facebook.
Mehr erfahren

Beitrag laden

In diesem Video wirbt das Unternehmen mit einem Hotel-Rundgang für seinen Luxusbau.

Tatsächlich hat der Tourismus in Äthiopien in den vergangenen Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Darüber habe ich auf meinem Blog schon berichtet. Durch die Corona-Krise steckt die Branche nun aber in einer ähnlich prekären Lage wie die Luftfahrt. Immerhin: Auch im Hotelbereich hat es Ethiopian Airlines geschafft, dass nicht alle Einnahmen ausblieben. Ab Mitte März mussten nämlich alle Menschen, die in das Land einreisten, für zwei Wochen in Quarantäne – zum Beispiel im Ethiopian Airlines Skylight Hotel. Inzwischen gilt für Reisende ohne negativen Covid-19-Test eine Quarantäne-Regel von sieben Tagen. Die Kosten für die Übernachtung im Hotel müssen Reisende dabei übrigens selbst tragen.

Ethiopian Airlines plant weiteres Wachstum

Langfristig werden diese Maßnahmen allein auch für Ethiopian Airlines nicht reichen. Damit das Unternehmen seines bisherige Wachstumsgeschichte fortsetzen kann, muss das Passagiergeschäft wieder anziehen. Dafür gibt es zumindest erste Anzeichen. Insgesamt fliegt das Unternehmen seit Juli eigenen Angaben zufolge wieder über 40 Ziele an, darunter Kamerun, Dschibuti und Dubai. Auch Flüge nach Europa hat die Airline wieder aufgenommen.

Für die Zukunft hält das Management des Staatskonzerns daher an ambitionierten Plänen fest. Erst im Januar hatte das Unternehmen bekannt gegeben, nahe bei Addis Abeba einen neuen, riesigen Flughafen bauen zu wollen – größer als London Heathrow. Noch sind diese Pläne nicht viel mehr als eine Ankündigung. Ad acta legen will sie Konzernchef GebreMariam aber offenbar auch trotz der Corona-Krise nicht. Natürlich sei die Zukunft seiner Branche derzeit ziemlich unsicher, sagt er im Interview mit dem African Business Magazine. Den geplanten Mega-Flughafen wolle er aber trotzdem wie angekündigt weiter vorantreiben.

Mehr lesen?

  • Warum Firmenchef GebreMariam weiterhin am geplanten Bau des Mega-Flughafens festhalten will, lest ihr hier im African Business Magazine. (englisch)
  • Auch wenn Ethiopian Airlines viel unternimmt, um die Krise zu meistern, bleibt die Situation für das Unternehmen schwierig. Das berichtet der Deutschlandfunk.
  • Wie sich die Corona-Krise insgesamt auf die Luftfahrtindustrie in Afrika auswirkt, hat die GTAI analysiert.
  • Westafrika bekommt eine Billigairline: Fly Westaf – das berichtet das Portal Aerotelegraph.de.
  • Wie sicher ist Ethiopian Airlines unterwegs? Dieser Frage ist die Süddeutsche Zeitung in einem kurzen Bericht nachgegangen.

Was ich bei meiner Backpacking-Reise nach Äthiopien über die Wirtschaft vor Ort gelernt habe, lest ihr hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.