Knapp 20 Millionen Touristinnen und Touristen haben im Jahr 2025 Marokko besucht. Das Land braucht daher neue Unterkünfte. Ein außergewöhnliches Angebot sind die Lehmhäuser von Eco-dôme Maroc. Gründer Youness Ouazri erzählt im Interview, warum Bauen mit Lehm nachhaltig ist und zudem an marokkanische Traditionen anknüpft.

Youness Ouazri ist Bauingenieur. Er hat 2015 sein Studium an der Ecole Hassania des Travaux Publics abgeschlossen und zwei Jahre lang in einem technischen Planungsbüro als Statiker und Leiter von Bauprojekten gearbeitet. 2017 gründete er Eco-dôme Maroc. Das Unternehmen ist auf den Bau von ökologischen Häusern für den ländlichen Tourismus spezialisiert. (Foto: Linkedin)
Wirtschaft in Afrika (WiA): Youness, wie kamst Du auf die Idee, Häuser aus Lehm zu bauen?
Youness: Die Idee entstand während meines Studiums an der Ecole Hassania des Travaux Publics in Casablanca. Ich war damals Mitglied in einer Organisation, die soziales Unternehmertum fördert. Ein Teil meiner Arbeit bestand darin, durch Marokko zu reisen, hauptsächlich in ländliche Gebiete. Auf einer meiner Reisen stieß ich auf alte, ästhetische Gebäude aus Lehm. Ich stellte Nachforschungen an und fand heraus, dass die Marokkaner vor der Einführung von Beton im Zuge des Imperialismus im Süden mit Lehm und im Norden mit Stein gebaut haben. Die Leute haben damals ein unglaubliches Know-how entwickelt. Ich dachte mir: Warum nicht ein Projekt entwerfen, das dieses alte Wissen wiederbelebt und es gleichzeitig an die heutigen Baunormen anpasst?
Historisches Meisterwerk: Die Kasbah „Taourirt“ ist eine der größten Lehmburgen des Landes.
Lehm statt Beton: Hält auch bei Regen
WiA: Wie bist Du das angegangen?
Youness: Nach meinem Abschluss im Jahr 2015 habe ich als Bauingenieur in einem technischen Planungsbüro gearbeitet. Parallel dazu habe ich mein Startup entwickelt und 2017 gegründet. An der Ingenieursschule hatte ich Zugang zu einem Labor und anderen Ressourcen. Ich und mein Team, wir haben damals sogar ein Grundstück von der Schule gekauft, um darauf ein 25 Quadratmeter großes Gebäude als Prototyp zu bauen. Wir begannen zu testen, wie wir die Außenbeschichtung des Hauses so gestalten konnten, dass sie sehr widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit und Regen ist. Davor waren uns nur Lehmkonstruktionen in trockenen und halbtrockenen Klimazonen bekannt. Aber dank unsere Forschung können wir inzwischen sogar Gebäude in solchen Regionen buaen, in denen es regnet oder schneit oder in denen wegen der Meeresnähe eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht.
WiA: Wie geht das?
Youness: Wir verwenden für unsere Gebäude immer lokale Rohstoffe. Wenn wir also vor Baubeginn die geotechnische Untersuchung durchführen, prüfen wir die Bestandteile des örtlichen Bodens. Manchmal fehlt es beispielsweise an Ton, Sand oder Schluff. Je nach Zusammensetzung legen wir die äußere Beschichtung des Gebäudes fest, indem wir den Boden entweder unverändert belassen oder weitere Zusatzstoffe hinzufügen. Ein Beispiel für einen solchen Zusatzstoff ist hydraulischer Kalk als natürliches Bindemittel. Und das funktioniert. Wir haben an einem Ort in Marokko gebaut, wo das Wetter ähnlich ist wie in Deutschland. Er heißt Tichka und liegt im Atlasgebirge. Im Winter gibt es viel Regen und viel Schnee. Und im Sommer herrscht große Hitze. Manchmal erreicht die Temperatur 45 bis 50 Grad.

Lehmhäuser für erholsame Nächte?
WiA: Bauen mit Beton ist der Standard. Waren eure Kunden anfangs skeptisch?
Youness: Das hängt davon ab, wie wir verkaufen. In jeder marokkanischen Familie gibt es einen Großvater oder Urgroßvater, der einen Bauernhof mit einem Lehmhaus hatte. Sobald man diese gemeinsame Erinnerung anspricht, sind die Menschen sehr aufgeschlossen dafür, mehr über unser Angebot zu erfahren. Wenn wir dann die Aufmerksamkeit gewonnen haben, sprechen wir über Referenzobjekte, die wir schon gebaut haben. Und wir erklären den Leuten, dass unsere Häuser, obwohl wir mit Lehm bauen, über alle modernen Annehmlichkeiten verfügen, die man auch in Betonhäusern findet. Es gibt sogar Vorteile von Lehmgebäuden die Betonhäuser nicht bieten.
WiA: Welche denn?
Youness: Beispielsweise sind die Luftqualität und der Schlaf in Lehmhäusern deutlich besser. Denn Lehm ist im Vergleich zu Beton und anderen Materialien ein lebendiges Material. Es atmet. Die Luftfeuchtigkeit in einem Haus sollte normalerweise zwischen 40 und 60 Prozent liegen. In einem Lehmhaus ist das automatisch so. Denn wenn die Luftfeuchtigkeit über 60 Prozent steigt, nehmen die Lehmwände den Überschuss auf. Und wenn sie unter 40 Prozent sinkt, geben die Lehmwände Feuchtigkeit ab. Das machen Betongebäuden nicht. Darüber hinaus sind Lehmhäuser viel ökologischer.
Wie die marokkanische Regierung Start-ups fördert
WiA: Weil die Herstellung von Zement für Beton so klimaschädlich ist?
Youness: Unter anderem. In unseren Studien konzentrieren wir uns hauptsächlich auf zwei Aspekte der Nachhaltigkeit. Der erste ist der CO₂-Fußabdruck unserer Gebäude, etwa bei der Menge an CO₂ in Kilogramm pro Quadratmeter Gebäudefläche: Bei Beton liegt dieser Wert zwischen 350 und 450 Kilogramm pro Quadratmeter. Beim Lehmbau sinkt dieser CO₂-Fußabdruck auf 30 bis 60 Kilogramm CO₂ pro Quadratmeter. Der zweite wichtige Punkt ist der Stromverbrauch. Es ist uns gelungen, den um eine Kilowattstunde pro Quadratmeter und Monat zu senken. Das liegt daran, dass Lehmhäuser weniger Heizung, Kühlung und Feuchtigkeitsregulierung benötigen.
WiA: Wie haben Sie Ihre Gründung finanziert?
Youness: Aus eigenen Umsätzen sowie durch Fördermitteln und Darlehen. In vielen afrikanischen Ländern ist es t euer,Bankkredite zu erhalten. In Marokko ist das aber anders. Es gibt hier eine Institution namens Tamwilcom. Sie fungiert als öffentliche Bank und hat ein zinsloses Darlehen speziell für Start-ups geschaffen. Das Darlehen wird dem Gründer gewährt, und im Gegenzug muss der Gründer einen Investitionsplan vorlegen, wie er das Geld verwenden wird. Tamwilcom überwacht die Meilensteine dieses Plans. Immer wenn man ein Zwischenziel erreicht, bekommt man einen weiteren Teil des Darlehens ausgezahlt. Haben sie den vollen Darlehensbetrag erhalten, haben Gründer ein Jahr lang Zeit, um an Ihrem Unternehmen zu arbeiten. Danach haben sie vier Jahre Zeit für die Rückzahlung des Darlehens. Es ist ein sehr gutes Instrument für die Unternehmensgründung in Marokko.

Reisen in Marokko: Die Regierung hat große Pläne
WiA: Wie hat sich Ihr Unternehmen seit den Anfängen entwickelt?
Youness: Wir haben inzwischen mehr als 50 Projekte in ganz Marokko durchgeführt. Die meisten davon betreffen den Wohnungsbau, also Wohnhäuser. Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Bildungsbereich. Wir haben Kulturzentren und einige Schulen in ländlichen Gebieten gebaut. Und dann gibt es noch einen dritten Bereich, nämlich Ökotourismus-Projekte. In diesem Bereich haben wir in letzter Zeit ein starkes Wachstum verzeichnet.
WiA: Wie kommt das?
Youness: Marokko hat große Ambitionen für den Tourismussektor. Das Tourismusministerium verfolgt die Strategie, bis 2030 mindestens 25 Millionen Touristen anzuziehen. Dazu ermutigt es Investoren, den Bau von Touristenunterkünften voranzutreiben. Und das ist für uns die Gelegenheit, mit den Investoren zusammenzuarbeiten und Partnerschaften aufzubauen.
WiA: Was sind Ihre nächsten unternehmerischen Ziele?
Youness: Wir wollen weitere Öko-Resorts in Marokko errichten. Außerdem wollen wir unsere Aktivitäten im Ausland ausweiten. Wir haben zwei Erkundungen durchgeführt, eine in Tunesien und die andere an der Elfenbeinküste. Wir prüfen die Möglichkeit, unsere Aktivitäten in einem dieser beiden Länder auszuweiten. Deshalb suchen wir nun Investoren. Ich kann deutschen Investoren insgesamt nur empfehlen, sich die wirtschaftliche Dynamik anzusehen, die derzeit im marokkanischen Tourismussektor herrscht. Es ist ein guter Zeitpunkt, um zu investieren.